#fremdewelten #menschenliebe #mutmacher

Lach' wieder

  • 1.447
Lach' wieder | story.one

Als ich im Jahr 2013 das erste Mal in die D.R.Kongo reiste, lernte ich einen besonderen achtjährigen Jungen kennen. Er war anders als die übrigen Kinder. Einige Menschen sagten er sei ein Hexenkind, er sei dumm oder sie lachten über ihn. "So einer wie er braucht nicht in die Schule zu gehen, denn er wird nie was lernen", das war die Meinung vieler, die einfach nicht wussten warum er ein bisschen anders aussah und warum er sich anders verhielt, als die restlichen Kinder.

Jean hatte Trisomie 21, auch genannt Down Syndrom, doch davon hat im Dorf im Herzen Afrikas noch keiner gehört. Wieso und warum konnten die Menschen einfach nicht verstehen, es musste also Hexenkraft sein.

Da er keine Möglichkeit hatte eine Schule zu besuchen, nahm ich ihn in meinem Kindergarten auf. Aber er war viel älter als meine dreijährigen Kindergartenkinder, deshalb nannten wir ihn „Jean- Assistent des Kindergartens Waale Waana“. Er durfte den Kindergärtnerinnen helfen, sich um die Kinder kümmern und gleichzeitig lernte und spielte er freudig. Darauf war er unheimlich stolz!

Jean wuchs heran, er entwickelte sich hervorragend und die Menschen erkannten, dass er intelligent, sozial und das liebste Kind war, das jeder kannte. Er lernte sogar Französisch, wofür er in Tshumbe enorme Hochachtung erhielt, denn nur die „gescheiten“ Leute können Französisch. Wenn abends der Mond hell leuchtete, hörte ich Jean, der mit seiner Familie in der Lehmhütte gleich neben mir wohnte, wie er den Nachbarskindern ein Gedicht oder ein Lied aus der Schule beibrachte. Dieses Jahr war Jean in der fünften Klasse unserer Grundschule, er konnte nun schon die Buchstaben schreiben und er war das bekannteste und fröhlichste Kind weit und breit.

Wenn ein Kind krank war oder sich zwei Kinder stritten, war Jean sofort zur Stelle. Er umarmte jeden und sagte immer: „Ola ma“. Was auf Otetela (der Sprache in Tshumbe) „Lach' wieder“ bedeutet. Ich habe in meinem Leben noch nie so einen besonderen Jungen kennen gelernt, wie ihn. Wenn die Schule aus war, blieb er am Nachmittag immer bei mir, half bei der Arbeit oder saß einfach nur da und passte auf mich auf.

Am Abend des 23.Aprils 2020 erreichte mich eine Nachricht, die mich zusammenbrechen ließ. Jean, war von uns gegangen, plötzlich und völlig unerwartet. Um Mitternacht desselben Tages hing ich weinend am Telefon. Am anderen Ende weinten und schrien die Menschen in Tshumbe. Über 6.000 km Entfernung trauerten wir gemeinsam.

Jean war unser Sonnenschein, er war das höflichste und hilfsbereiteste Kind unserer Schule und er war immer für alle da. Jean war, wie kein anderer, er war besonders und einzigartig! Er machte Menschen Mut und er war ein Symbol für Freude und dafür, dass jedes Kind auf dieser Welt ein Recht auf Bildung hat! Jean ich werde dich immer lieben und dich niemals vergessen! Danke, dass du mein Leben so bereichert und jedem immer und überall Mut gemacht hast!

Und wenn er jetzt hier wäre, dann würde er sagen: "Ola ma". (Lach' wieder)

© WaaleWaana 25.04.2020

#fremdewelten #menschenliebe #mutmacher