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Nimm das Baby mit!

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Nimm das Baby mit! | story.one

Juli 2014. Noch bevor ich überhaubt aus meinem Pyjama heraus komme, klopft es am Bambustor. Eine ältere Dame mit einem winzig kleinen Baby auf dem Arm fleht mich an:"Manuela, nimm das Baby mit nach Österreich, sonst stirbt es!"

Ich erkundige mich nach der Situation - wo sich die Mutter des Neugeborenen befindet und ob sie noch lebt. Schnell laufe ich zurück in meine Lehmhütte, wechsle meinen Pyjama mit einer anderen Kleidung und gehe mit dem Baby im Arm los. Nach etwa 15 Minuten kommen wir an einer zerfallenen Lehmhütte an. Nur mehr ein Zimmer, das in etwa so groß ist, wie ein kleines Badezimmer in Österreich, steht noch. Die Tür ist nur ein Brett das vorgeschoben wird. Ich trete ein in das dunkle Räumchen und begrüße die junge Frau, die auf dem Lianenbett sitzt. Sie hat nur ein Tuch um sich geschlungen, auf dem Erdboden und dem Bett ist noch getrocknetes Blut zu sehen. In der Ecke zwei Kochtöpfe und ein bisschen Feuerholz, an einer Stange hängen ein paar zerrissene Klamotten, ansonsten befindet sich nichts im Raum.

Ich beginne mit der Frau zu sprechen und höre mir ihre Geschichte an, sie redet nur ganz langsam und ich merke, wie kraftlos sie ist. Gestern gebar sie, ganz allein auf diesem Lianenbett, ihre Tochter. Die Frau hat eine Behinderung an den Beinen und kann daher von Geburt an nicht gehen. Jahrelang wurde sie vergewaltigt, ihr Mund geknebelt und wehren konnte sie sich sowieso nicht. Manchmal erhielt sie danach von ihrem Vergewaltiger einen Teller mit Essen, sodass sie die ganze Qual einfach über sich ergehen ließ, damit sie zumindest ihren Hunger stillen konnte. Neun Kinder gebar sie schon. Alle acht Kinder zuvor sind bereits tot. Einige starben bei der Geburt, drei verhungerten als Babies, da sie nie Muttermilch hatte. Ein Junge überlebte sogar, aber starb im Alter von sieben Jahren an Malaria. Als sie mir das erzählte, liefen uns beiden Tränen über die Wangen. Ich kann mir nicht einmal vorstellen welches Leid Mama Sofine (so ist ihr Name) durchmachen musste!

"Nimm mein Baby mit nach Österreich", bittet mich nun auch Mama Sofine. Sie weiß, dass es bei ihr nicht überleben würde. Sie liebt ihr Kind so sehr, dass sie einfach nur will, dass es ihr gut geht, egal ob sie bei ihr bleiben kann oder nicht. Mitnehmen nach Österreich kann ich das Baby natürlich nicht, aber dafür erklärten mir Papa Fabien, unser Regionalkoordinator und seine Frau Mama Aloki voller Liebe, dass sie gerne das Baby bei sich aufnehmen würden. Sie beide verloren selbst vor ein paar Jahren ihre Tochter an Malaria.

Juli 2020. Inzwischen ist Manuela-Sofine, so wurde das Baby benannt, sechs Jahre alt. Sie ist sehr aufgeweckt und liebt es in unsere Schule zu gehen. Mit Mama Aloki besucht sie oft Mama Sofine, die jedes Mal über beide Ohren strahlt. Auch ihr geht es mittlerweile besser, wir konnten ihr zu Hause erneuern und ihr sogar einen örtlichen Rollstuhl geben.

Jedes Mal, wenn ich Manuela-Sofine im Arm halte, denke ich zurück und weiß warum ich im Kongo bin und nie aufgeben werde!

© WaaleWaana 18.07.2020

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