24 Stunden in Assisi

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24 Stunden in Assisi | story.one

Mit zwei Freunden verbringe ich das Osterwochenende in Assisi. Es ist Karsamstag, 7 Uhr in der Früh. Zu dritt haben wir in meinem Minizelt geschlafen, gleich außerhalb der Stadtmauer. Ein herrlicher, wolkenloser Tag kündigt sich an. Cappuccino und ein paar Croissants – wir genießen die Morgensonne in der Bar am Hauptplatz. Besichtigungstour – Santa Chiara, Rocca Maggiore, San Damiano – und natürlich die Basilica di San Francesco, Ober- und Unterkirche, Giotto-Fresken, ein Traum. Es ist schon 14 Uhr, als wir die Basilica verlassen. Die Sonne ist weg, ein Gewitter zieht auf.

Und so schnell kannst du gar nicht schauen – ein Wolkenbruch im wahrsten Sinn des Wortes. Kleine Bäche schießen durch die engen Gassen. Schon vollkommen durchnässt, flüchten wir in eine Pizzeria, wie viele andere auch. Ob unser Zelt dieses Unwetter aushält?

Nach 40 Minuten ist der Spuk vorbei, die Luft gereinigt, die Sonne blinzelt schon wieder zwischen den Wolken hindurch. Wir machen einen Kontrollgang zum Zelt. Es ist noch da - prinzipiell. Die Zeltstangen stehen schief, das Dach berührt den Boden, mitten drin eine riesige Wasserlacke. Shit! Wir ahnen, wie es um unsere Schlafsäcke bestellt ist – in diesem Zelt werden wir wohl diese Osternacht nicht verbringen. Und stehlen wird uns das auch niemand. Wir lassen es daher stehen und gehen zurück in die Altstadt.

Wie werden wir dann heute schlafen - und wo? Gedanken kreisen – doch bald da ist nur noch dieser innere Friede – franziskanisch, unbelastet, es zählt nur die Gegenwart, was kümmert uns der nächste Abend, die Nacht – wird schon irgendwie gehen, vollkommene Freiheit.

Die Osternacht feiern wir in der Basilika, manchmal der Gedanke, wo wir nachher schlafen sollen. Auf den Steinbänken hier in der Kirche? Die sperren sicher zu. Irgendwo in der Nähe ist das Kloster der deutschen Schwestern, da bekommen wir Platz.

Es ist Mitternacht. Die Leute verlaufen sich in ihre Quartiere, wir gehen durch eine schmale Gasse zum Kloster. Geschlossen. Wir klopfen an. Nichts. Noch einmal. Dann öffnet sich ein Fenster – Hoffnung kommt kurz auf. Doch leider – sie haben keinen Platz für uns.

In der Zwischenzeit ist es halb zwei in der Früh. Vorhin hat uns irgendjemand einen Tipp gegeben: Der Bahnhofswartesaal, der ist offen, da kann man schlafen. Und so machen wir uns auf den Weg. Es sind etwa sechs Kilometer bis zum Bahnhof. Um 3 Uhr sind wir dort – und tatsächlich, der Wartesaal ist offen. Welch ein Glück, welch große Freude! Wir haben auch noch die Auswahl, ob wir auf der Bank oder auf dem übergroßen Tisch schlafen – locker verteilen wir uns im Raum. Eine Packerlsuppe und eine Flasche Rotwein zu dritt, ein lukullisches Mahl zwischen 3 und 4 Uhr in der Früh.

Um 7 Uhr schaut dann der Fahrdienstleiter in den Wartesaal rein – „Buon giorno!“ Intensive 24 Stunden in Assisi.

© Walter Stübler 05.04.2020