Der gelebte Schmerz

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Übersät mit blauen Flecken und Beulen, ein kaputtes Handgelenk, welches mir beim Abstützen Höllenschmerzen bereitet, eine Schulter gegen mein Kinn bekommen, der übliche Muskelkater in meinen Oberschenkeln, mein rechtes Sprunggelenk quält mich mit Nadelstichschmerzen und mein Rücken fühlt sich an als ob ein Traktor mehrmals über mich drüber gerattert ist und direkt nach dem Spiel musste ich kotzen. So geht es meinem Körper nach einem Handballspiel. Mit 18 spielte ich bis zu drei Spiele am Wochenende, jetzt bin ich froh, wenn ich eines überleben darf und danach eine Woche zum Regenerieren habe.

Bin wohl wirklich an meine Grenzen gegangen, denke ich mir jetzt am Tag danach. Ich liege auf der Couch und erhole mich, halbschlafend, halbwach von meinen Blessuren in der stillen Hoffnung, das ich am nächsten Tag wieder ins Training kann. Und warum tue ich mir das mit 35 Jahren nochmals an? Die Antwort darauf ist ganz einfach: Weil ich es brauche und es sich so, so gut anfühlt. Jawohl richtig gelesen: Es fühlt sich gut an.

All die Schmerzen und Qualen schiebe ich auf die Seite, denn das Gefühl ein geiles Spiel gehabt zu haben, ist einfach viel zu gut. Selbst Tage später, wenn ich wieder anfange, normal zu gehen und nicht mehr humple, und die blauen Flecken langsam grün werden, denke ich nur an diese 60 Minuten voller Energie und Teamwork, an all die lässigen Momente, an die gelungenen Spielsituationen und die Glücksgefühle, die dadurch in meinem Körper und Kopf ausgeschüttet wurden.

"Kannst du den Kleinen anziehen?", höre ich meine Frau sagen und ich brumme zurück:"Klar, ich werd's versuchen." Ich schufte mich ab und ziehe und zerre, damit er endlich in die viel zu enge Strumpfhose passt. Normalerweise brauche ich keine zwei Minuten um ihn angezogen zu haben, doch heute fühlt es sich nach einer kleinen Ewigkeit an. Nach diesem Moment der Plackerei rinnt mir der Schweiß von der Stirn und ganz tief in mir drinnen spüre ich wieder dieses großartige Gefühl, etwas geschafft zu haben.

Ja es sind wohl die kleinen Dinge im Leben, die das Leben auch so lebenswert machen können und selbst wenn Manches nicht so einfach und eindeutig ist, ja selbst wenn man manchmal etwas nicht schafft und es einem Schmerzen bereitet, dann sollte man es dennoch weiter versuchen und niemals aufgeben.

Also werde ich meinen geschundenen Körper morgen wieder ins Training schleifen und weiter quälen, nur damit ich danach sagen kann:" 35 Jahre bedeuten nichts, wenn man im Kopf noch 20 ist."

© WalterB