Durch das Leben tanzen

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Durch das Leben tanzen | story.one

Immer wenn der Sommer zu Ende geht, und der Herbst leise anklopft, werde ich schwermütig.

Sich auf Zehenspitzen im Kreis drehen, die Hände erheben und nach denen des Gegenübers greifen, sich überschwänglich vor Glück der Musik hingeben...

Ist dieses Gefühl unendlich, oder ist es nur die Vorstufe vor dem Fall, ist der Fall unvermeidlich? Die Musik wird langsamer, dunkler und eindringlich, unaufhaltsam durchbohrt sie durch ihre Kraft die harmonische Einheit der Tanzenden.

Werden die Töne aus der Tiefe nach oben dringen, wird es wieder ein Erheben geben nach dem Sturz?

Ein langsames, vorsichtiges Balancieren über die Bretter, die die Verbindung zum Licht darstellen, setzt ein. Werden wir es wagen, den Weg weiter zu gehen, die Augen zu öffnen, um das Gegenüber zu erkennen, zu ertasten, zu fühlen, um uns allmählich in der Menge wieder zu finden , in der wir uns getragen fühlen, um endlich ganz nach oben zu driften.

Haben wir alle Sorgen vergessen, alles im Untergrund vergraben, was uns belastete, was uns hinderte, uns unbekümmert an der Musik zu erfreuen?

Ist die Liebe nur ein Wort wie viele andere Wörter oder suchen wir nach Werten, die uns Halt geben, nach Menschen, die uns die Hand reichen, wenn wir durchs Leben tanzen.

Ein ständiges Tanzen, ein langsames Dahingleiten, eine wilde Drehung, ein Sprung ins Ungewisse, das ist das Leben. Wie weit wir uns von den Klängen tragen lassen, bestimmen wir schlussendlich selbst. Ein Innehalten und Verweilen wird uns hoffentlich die Richtung weisen.

Es ist der Kreis, der sich immer wieder schließt, ein Sommer, der in den Herbst übergeht, ein Winter, der alles beendet, doch die Hoffnung auf einen Frühling, der uns mit zarten Klängen empfängt und uns wieder tanzen lässt, gibt uns die Kraft zu leben.

© Waltraud Wohlmuth 16.09.2020