Wenn auf einmal alles anders wird

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Das Leben verläuft gemächlich in geordneten, ruhigen Bahnen, es ist alles vorhersehbar, planbar. Der nächste Urlaub ist schon gebucht, die nächsten Wochenenden werden an verschiedenen locations stattfinden. Ach ja, der nächste Friseurtermin ist schon fällig. Der Einkauf für den heutigen Abend ist getätigt. Wir werden mit Klaudia und Gerhard auf der Terrasse einen Aperitif trinken, und dann im Esszimmer , die bereits vorgekochte Lasagne verzehren.

Aber halt, Mama, ich habe Mama schon seit ein paar Tagen nicht angerufen. Es wird ihr schon gut gehen. Sie würde sich melden, wenn sie etwas braucht. In der nächsten Zeit bin ich ziemlich eingedeckt, ich kann sie leider nicht besuchen. Doch auf einmal ist alles anders , das Leben ist stehen geblieben.

Auf einmal darf ich Mama nicht mehr besuchen. Wir müssen uns auf kurze Kontakte zwischen Tür und Angel beschränken. Jedes Mal, wenn ich ihr die Einkaufstasche vor die Wohnungstür stelle und anläute, wenn sie dann zögernd öffnet, mich erwartungsvoll ansieht, empfinde ich eine Welle von Wärme. Ihr Blick drückt Dankbarkeit, aber auch Wehmt aus. Sie würde gerne selbst ihre Einkäufe erledigen, der tägliche Kontakt mit den Menschen ist ihr abhanden gekommen. Wie klein sie geworden ist, wie zerbrechlich. Auf einmal erkenne ich, wie wichtig mir Mama ist, wie sehr ich es schätze , in ihrer Nähe zu sein. Wie konnte ich in meiner anderen Welt nur darauf vergessen , ja, darauf verzichten, ihre Stimme zu hören, ihr Lächeln zu sehen.

Es ist alles anders geworden.

© Waltraud Wohlmuth 18.04.2020