Fahrstunden mit Papa

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Fahrstunden mit Papa | story.one

Mit 18 Jahren meldete ich mich in der Fahrschule Lattermann in Wien an. Mein Fahrlehrer war sehr überrascht, als ich am Parkplatz auf seine Anweisungen wartete, weil ich zuvor noch kein Auto gestartet und natürlich auch nicht in Bewegung gesetzt hatte.

Als ich dies am Abend meinem Papa erzählte, weckte ich seinen Ehrgeiz und ich höre noch heute seine Worte „Da werden wir jetzt regelmäßig üben!“ Meine Belehrung, dass dies nicht erlaubt wäre, kostete ihm einen Lacher und er zwinkerte mir verschwörerisch zu „Das merkt ja keiner....“ Mit einem etwas mulmigen Gefühl verliess ich die Küche.

Am darauffolgenden Samstag nach dem Frühstück ging es los. Papa fuhr mit mir zu dem Firmengelände, auf welchem er arbeitete, stieg aus, drückte mir wortlos den Schlüssel seines Audi 100 in die Hand und harrte geduldig der Dinge, die da kommen würden. “Die Schaltung ist eher eine Rührschüssel“ meinte er trocken. Ich spürte wie meine Wangen heiß wurden, aber es klappte ganz gut und so fuhr ich auf dem Parkplatz nach Anweisung meine Runden. Gerade als ich mich etwas zu entspannen begann, lotse er mich zu einer Durchfahrt vor der ich abrupt stoppte. „Was is?“ kam es verständnislos vom Beifahrersitz. „Das ist viel zu schmal, das geht sich nicht aus - da kann ich nicht durchfahren.“ Mein Papa dachte ich scherze. „Da fährt der Müllwagen immer durch“ konterte er. “Der wird nicht so breit sein” flüsterte ich hilflos. Was soll ich sagen - ich musste mindestens zehn Mal durchfahren.... Mir stand der Schweiss auf der Stirn und erleichtert, übergab ich nach gefühlten 6 Stunden den Schlüssel an Papa für die Heimfahrt.

Nach der 5. offiziellen Fahrstunde wurde die Praxisfahrt verschärft. Nach dem Abendessen forderte Papa mich auf meine Jacke anzuziehen, die nächste Lektion wäre überfällig. “Aber es ist schon dunkel, ich bin noch nie....” “Na dann wirds Zeit oder willst später nur bei Tageslicht fahren”.

Stumm folgte ich ihm - diesmal bekam ich gleich den Schlüssel in die Hand. Aus dem Parkplatz raus, auf die Hauptstraße und dann Richtung B17. “Halt dich an die Geschwindigkeitsbeschränkung - wenn du so langsam fährst, fallen wir auf.” Ich wusste nicht, dass man im Winter auch so schwitzen kann...

Da war sie die B17 - dunkler geht‘s gar nicht, fand ich. Mein bis dahin recht schweigsamer Papa feuerte mich an “Gas und schalten und Gas, gib Gaaas!!!” und er drückte mein Knie in Richtung Gaspedal. Ich starb tausend Tode - die Tachonadel auf über 100 km/h um bei anderen Verkehrsteilnehmern keinen Verdacht zu wecken.

Den Führerschein bestand ich beim ersten Mal und durfte dann voller Stolz mit dem coolen Audi die Umgebung unsicher machen. Der Fahrstil meines Papa ist mir aber geblieben. Die Zahl auf den Verkehrsschildern ist die Mindestgeschwindigkeit und Gas! Gas! um keinesfalls ungut aufzufallen!

© WANABE 21.06.2020