Eine alte Bank

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Eine alte Bank | story.one

Ich bin kein Friedhofsgänger – wahrlich nicht - im Gegenteil. Aber dort sind mitunter architektonische Kunstwerke, die mich ziemlich beeindrucken. Andererseits werde ich da noch so lange liegen, dass ich mich nicht jetzt schon ständig dort aufhalten muss.

Aber an einen Friedhof sind meine Erinnerungen sehr bewusst. Stahnsdorf!

Als meine Großmutter 1945 starb, musste sie dort außerhalb von Berlin beerdigt werden.

Stahnsdorf ist noch heute der 2. größte Friedhof in Deutschland, gehört zu den weltweit zehntgrößten, hat mehrere Gedenkfriedhöfe und wird nur noch zur Hälfte bewirtschaftet. Über den Rest wächst Kiefernwald.

Er wurde 1909 angelegt. Da gab es kein Groß-Berlin. Zu späterer Größe gelangte er, weil 4 Friedhöfe in der Innenstadt wegen der Wahnsinnsidee von Speer, aus Berlin die Hauptstadt von Germania zu machen, geschlossen wurden.

Auf ihm ist eine von zwei in Deutschland vorhandenen Stabkirchen (die andere im Harz). Es liegen dort viele berühmte Persönlichkeiten u.a. aus Politik (Breitscheid, Richthofen), Wirtschaft (Siemens), Kultur (Langenscheidt, Hanussen, Krebs – der nachweislich 60 ! Sprachen akzentfrei sprach und u.a. einer chinesischen Prinzessin Alt-Mandarin lehrte, damit sie standesgemäß heiraten konnte), Musik (Zille, Humperdinck), Kunst (Gropius, Corinth).

Er befindet sich auf dem Gebiet der ehem. DDR. Deshalb war es nach 1961 unmöglich dorthin zu gelangen – und vorher unter großen Schwierigkeiten, nur am Bußtag und Totensonntag.

Mit der S-Bahn fuhr man bis Dreilinden oder Wannsee, von dort 5 km zu Fuß über Schienen, dabei den Teltowkanal auf einer bedrohlich schwankenden Fassbrücke querend, um im Stahnsdorfer Bahnhof seinen Genehmigungsschein (8 Wochen vorher beantragt) abstempeln zu lassen, dann weitere 5 km zur Grabstelle. Ich war damals um die 9 Jahre alt. Aber diese Erlebnisse haben sich so eingebrannt, dass ich aus Erinnerung einmal im Jahr diesen Friedhof und das Grab besuche.

Und da stand und steht sie noch - die Bank.

Grün, wirkte damals schon zerbrechlich, in der Nähe eines verfallenen Grabes, das - inzwischen kaum erkennbar - verwachsen unter Kuschelgestrüpp liegt.

2 können – nein konnten - auf ihr Platz nehmen. Menschen, die sich trösten, vielleicht Erinnerungen austauschen wollten, kamen aus der zerbombten, abgebrannten Innenstadt.

Die Bank hat in ihrer Jugend sicher keine Liebenden zugehört, keine Treueschwüre vernommen; sie hörte von Plünderungen, Ausgebombtsein, Vergewaltigungen, Verzweiflung, Hunger und immer wieder von Tod. Seit 80 Jahren im Wald versteckt, grazil in ihrer Jugend, von Jahr zu Jahr mehr zusammenfallend – sah sie Gräber ausgehoben, aufgeschüttet, verschwinden, zuwachsen, hat jede Art von Trauer mitgemacht.

Eine in die Jahre gekommene alte Dame, die bis heute allen Erinnerungen standhält.

(An diese Bank - im Bild -erinnerte ich mich, nachdem die charmante Exberlinerin Moana über eine Bank ihre Erlebnisse niedergeschrieben hat).

© weey