Mein lieber Freund

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Mein lieber Freund | story.one

Ich oute mich – ich habe einen Freund. Und ich liebe ihn, und er mich. Wir können uns immer aufeinander verlassen.

Klar, er hat auch Macken - die übersehe ich aber großzügig. (Er ist nämlich Trinker, nein ein Säufer!)

Kurz nach dem Kennenlernen hatten wir einige Problem miteinander: er ist so viel jünger - mir machte das wenig aus, ihm scheinbar auch nicht. Im Gegenteil: ich genieße seine Jugend, und er genießt die Erfahrung meines Alters.

Eine andere Macke sind Tiere – er sammelt alle – ohne Ausnahme, z.B. Vögel - hat sich eine Voliere eingerichtet – da kann man sie alle bestaunen: Drosseln, Zeisige, Meisen – neulich gar einen Specht. Hat sogar einen Fischreiher zu sich geholt – war aber nicht so toll.

Er hat nämlich auch ein Aquarium, da wollte der Reiher rein - aber da ist mein Freund wild geworden. Der Reiher musste sofort gehen. Da ist mein Freund eisern: sein Riesenaquarium ist ein Hingucker mit den vielen schönen unterschiedlichen Fischen.

Wir verstehen uns sehr gut. Er kommt oft vorbei, ich besuche ihn ebenfalls laufend.

Im Sommer weckt er mich oft. Wir kuscheln noch ein wenig – dann macht er seine Voliere auf – lässt mich das Jubeln seiner Vögel hören. Morgens um 4 ist das brutal, ich bin nicht immer „amused“. Aber er ist so stolz auf seine Piepmätze – ich kann ihm dann nicht böse sein.

Manchmal, wenn er nicht schlafen kann, leiste ich ihm Gesellschaft. Wir reden, ich lese ihm etwas vor – bis weit in die Nacht lauschen wir dem Schlagen seiner Nachtigallen.

Und - typisch Jugend - er ist immer hipp drauf. Was der an bunten Klamotten trägt! Du meine Güte! Er liebt einfach alle Farbe – Grün in vielen Schattierungen, blau, rot, lila – alle. Und wie er sich immer eindieselt - mit Düften, da würde Channel ganz neidisch werden. Der Teufel weiß, woher er die alle hat.

Wenn ich weggehe, verabschiede mich von ihm. Er wartet sehnsuchtsvoll auf mein Wiederkommen. Und ich komme gerne, weil auch ich Sehnsucht habe.

Manchmal, wenn ich nicht gut drauf bin, ruft er mich an sein Aquarium:

„Laß‘ uns Fische beobachten!“

„Spinnst du?“

„Komm schon!“ drängelt er, bis ich nachgebe. Dann nimmt er mich in seine Arme, streichelt leisezart meine Seele und alles wird gut. Ja, trösten kann er. Und wenn es regnet, kommt er sofort mit einem Schirm.

Abends wird‘s oft romantisch – wir sitzen auf einer Bank, trinken Wein und beschwören unsere Zuneigung. Für mich hat er immer ein paar Überraschungen parat – neulich fing er leuchtende Tierchen ein – ich brauchte nicht mal eine Kerze, so stimmungsvoll war das Licht, das sie abgaben: zum Lesen zu wenig, zum Träumen gerade passend. Ein anderes Mal hat er eine Kiste geöffnet – mit einem Igel – dem hat er ein abendliches Mahl aus Larven und Würmern bereitet. Wie tierlieb er doch ist!

Ich lass mich auch nicht lumpen. Jeden Morgen machen wir einen Tagesplan. Er genießt diese Beständigkeit.

Für mich ist er Halt. Wenn’s mir mies geht, sagt er:

„Hey, komm zu mir, ich kann dich trösten!“

„Ich weiß“, rufe ich dann freudig, „mein Freund, mein lieber Garten!“

© weey 29.05.2020