Ankommen im Jetzt

„Wanderer es gibt keinen Weg, der Weg entsteht im Gehen“ schrieb Antonio Machado. Seine Worte wurden in den vergangenen Jahren zu meiner Quelle der Inspiration.

Alle großen mystischen Lehren weisen uns darauf hin, dass wir lernen sollen, im „Jetzt“ zu leben und nicht durch die Kraft unserer Gedanken und Gefühle in der Vergangenheit zu verharren oder in die Zukunft zu schweifen. Dies ist jedoch eine Kunst, die nicht immer einfach ist.

Früher hatte ich auf meinen Wanderungen immer ein fest definiertes Ziel. Ich wollte dort oder da ankommen und richtete meinen Fokus stets darauf aus. Fast immer erreichte ich meine Ziele, auch wenn sie noch so ehrgeizig gesteckt waren. Doch eines bemerkte ich: Dass ich in meinen Gedanken selten dort war, wo ich gerade wanderte. Ich dachte an das Abendessen und übersah die Blumen am Wegesrand. Ich träumte vom Bett nach der Ankunft und bemerkte nicht den Gesang der Vögel. Oder meine Gedanken waren überhaupt schon in der Heimat und dabei, was ich in Folge noch alles erledigen wollte, und ich vergaß bei alledem ganz, dass ich gerade an jenem Ort war, den ich schon immer einmal besuchen wollte. Hier war ich also, doch irgendwie war ich nicht präsent!

Es bedurfte eines radikalen Schrittes: Ich entschied mich eines Morgens einfach ohne Ziel loszugehen, ja, ich wollte an jeder Wegkreuzung auf's neue entscheiden wohin mich der Weg führen sollte. Doch das war zu Beginn alles andere als einfach. Durch die Hintertür schlichen sich Ziele ein, vielleicht weniger klar formuliert, aber trotzdem präsent. Was hielt mich also davon ab, mich voll und ganz auf den Weg einzulassen?

Ein Mangel an Vertrauen in den Augenblick, denn ein Ziel gibt eine vermeintliche Sicherheit.

Mittlerweile lerne ich jeden Augenblick stets aufs neue das Jetzt wahrzunehmen. Mir fallen die Blumen am Wegesrand auf. Ich bleibe stehen wenn ein Schmetterling neben mir vorbei flattert, und ich lausche dem Gesang der Vögel, die meinen Weg begleiten. Ich bin mir des Augenblicks gewahr und bin präsent.

Meine Etappen sind kürzer geworden und in der warmen Mittagszeit ertappe ich mich immer öfter dabei, im Schatten eines Baumes Siesta zu halten. Ich merke wie ich zunehmend in meinem Leben ankomme. Was für ein großes Geschenk!

© Weltenwanderer