2018: Odyssee im Supermarkt

Ich brauch ein Wagerl. Der grausame Gedanke holt mich ein, dass ich meine letzten Münzen beim Zigaretten Automaten ausgegeben habe. Shit. Was jetzt? Den Augustin-Verkäufer nach Kleingeld fragen? Idiot.

Ein verzweifelter Blick ins Börserl, - mein Walhalla. Ich finde einen roten Plastikchip. Dieser hatte mir Wochenends davor noch tiefgründige Diskussionen mit starkbrüstigen Gelfrisuren beschert, als mir die Beiden partout nicht glauben wollten, dass es sich dabei sehr wohl um ein legales Zahlungsmittel handelt. Wenns schon nicht reicht die Pförtner auszutricksen, das Wagerl ist wenigstens so nett und lässt sich damit problemlos von seinem Rudel trennen.

Im Supermarkt dann erarbeitet sich ein lästiges Balg kontinuierlich meine Aufmerksamkeit.

Ganz im Stile der Droogs aus Clockwork Orange zieht der Kleine eine Spur der Verwüstung durch die Verkaufshalle. Neben unzähligem Obst, Gemüse und Schweden Bomben hat er nach kurzer Zeit wohl auch das Selbstwertgefühl eines Reinigungsangestelten und ganz bestimmt jenes seines Vaters auf dem Gewissen.

An der Kassa angekommen will er erst wieder vom Laufband steigen, wenn, ich zitiere, „die schirche Frau zum piepsen aufhört“.

Sie tut es nicht.

Der darauffolgende Tobsuchtsanfall endet in einer spektakulären Verfolgungsjagd, die ihr Finale in der elektrischen Drehtür am Ausgang findet. Diese bringt der Junge absichtlich zum Anhalten, sodass sein Vater mit dem Gesicht voraus in sie hinein rennt. Grandios.

Die daraus resultierende Moralpredigt beinhaltet, abgesehen von unzähligen Fallfehlern, unter anderem „und zum Marcel Supertalent schaun gehen kannst auch vergessen!“. Zu hart.

Couragiert, wie ich nun mal bin, entschließe ich mich einzuschreiten.

Nachdem ich meinen Einkauf verladen habe, gehe ich zu dem Racker und sage ihm, er könne das darin steckende Kleingeld behalten, wenn er mein Wagerl zurückbringen würde. Abrupt hört er auf zu weinen. Ich kann ein Funkeln in seinen Augen sehen.

Manchmal sind es die kleinen Dinge im Leben, die einem Glück bereiten.

Manchmal ein roter Plastikchip.

© WienerAuster