Das Verrücken einer Schreibmaschine

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Das Verrücken einer Schreibmaschine | story.one

Das mit dunklem Holz rundumvertäfelte Zimmerchen hat zwei Türen. Die eine zur repräsenten Bibliothek hin, mach ich nach kurzem Zögern einfach zu. Wer weiß, ob das erlaubt ist. Wenn jemand reinkommt, der entsetzt ist, dann lächle ich einfach so charmant ich kann, vielleicht am besten ein bisschen naiv.

Die zweite Tür wage ich dann auch noch, hier in diesem Schloß, Schloß Leopoldskron, wo ich nur ein Anhängsel einer Konferenz bin, ein subversives Anhängsel offenbar. Sie öffnet auf einen winzigen Durchgang hin. Und um mein Glück heute zu steigern ins Uferlose, führt sie zu einem Klo - meinem privaten. Ich bin autark - Schreibtisch mit Blick auf den See, Tür zu, Klo in Reichweite.

Die alte tolle Schreibmaschine kann mir nun auch nichts mehr! Ich rücke sie so weit an den Rand wie es nur geht, einen Zentimeter mehr und Max Reinhardt könnte sie nie wieder benutzen. In das Zentrum stelle ich meinen LapTop. So. Ich gehe auf ein frisches, blütenweißes word document und stocke. Der Maxl hätte bestimmt sofort losgeklimpert, irgendetwas mit Theater, was Wichtiges oder einen Brief, eine KORRESPONDENZ. Ich schreibe an B., mit der ich mich regelmäßig übers Schreiben austausche - und über die Kinder, Krankheiten - was man halt so zu sagen hat, nebenbei. Kann man, ich?, hier an diesem Nussbaumsekretär, vom bescheuerten Augenarzt schreiben, über den ich mich innerlich so echauffiert habe? Und dass ich jetzt nicht weiß, was ich tun soll. Auf mein Bauchgefühl hören, hat der Spezialist gesagt, wirklich! Ja, was fällt mir dazu ein außer Zynischsatirisches? Sowas sollte man aber an keinem Nussbaumtisch tippen. Nussbaum (evt. ist es Mahagoni?) ist dunkel und glänzt seidig und - nein! Ob Reinhardt hier Zweifel hatte, wie grundlegend und nachhaltig (obwohl, das Wort kann er ja so gar noch nicht gekannt haben) seine Ideen übers Theater waren? Die Nazis rückten ihm immer näher, das tägliche Leben nahm überhand. Ob seine KORRESPONDENZEN hier nebenan in der Biblio stehen? Waren seine Briefe auch so gemischte Dinger wie meine? Blieb er auch nicht beim Thema?

Jedenfalls hat er so ein Zimmerchen gehabt, mit direktem Zugang zu Klo (und Bibliothek), mit Desk und Schreibmaschine. Rausschauend sah er bestimmt Schwäne und Rund-um-den-See-Geher, wie ich. Vielleicht war sogar der Himmel genau so wolkenlos blau und das Wetter so äußerst angenehm und Stimmen von der Terrasse drangen herauf und sprachen von story-telling bei elevator-pitches....

© Wladimir 04.11.2019