Der Augenspezialist

Ich bin kurzsichtig wie ein Maulwurf, mit Vierzig vertrug ich keine Kontaktlinsen mehr und bekam intra-okuläre, eingepflanzte Linsen. Nun habe ich erhöhten Augeninnendruck und eine Lesebrille und noch eine, nachts zum Autofahren.

Nach einer Voruntersuchung bei einer Assistentin werde ich zu einem jungen Arzt gerufen, nein, er kommt aus seinem Zimmer, nennt meinen Namen, schüttelt mir die Hand und bittet mich rein. Er unterhält sich mit mir, ich bin ja auch ein interessanter Fall, lange im Ausland gelebt, die Augen-OP wurde in Santiago bei einem chilenischen Spezialisten gemacht, einer Koryphäe.

Dieser junge Augenarzt hier nimmt sich Zeit, fast als ob ich noch eine wertvolle Privatpatientin wäre, was ich seit ein paar Monaten nicht mehr bin. Manchmal scheint er sich selbst zu besinnen und fasst seine Ergebnisse schnell zusammen und meint, dass man alles beobachten solle, jedes Jahr, eigentlich jedes Halbe.

Ich bekomme eine Reihe von Untersuchungen, Gesichtsfeldmessung etc. ich muss unterschreiben, dass ich das privat bezahle, denn die Kasse übernimmt das nicht, obwohl man es braucht. Sagt er wenigsten, wenigstens verstehe ich das so. Als ich wieder zu ihm reingebeten werde, sieht er mich an und erklärt mir, dass er sich viel Zeit für mich genommen hätte, heute, es scheint ihm selbst etwas unbegreiflich, fast hatten wir schon wie Menschen miteinander gesprochen. Ich war das gewohnt, als Privatpatientin lernt man einiges über seine Ärzte, weil die dann gerne privater werden, etwas fragen, manchmal auch von sich sprechen. Nun ja, ich war mir wohl nicht bewusst, wie ungehörig das im Umgang mit Kassenpatienten ist. Ich habe mir heute ja auch besonders viel Zeit genommen, mit Ihnen gesprochen. Sie sind ein interessanter Fall (weil ich einen Typ Linsen im Auge habe, der aufgrund von Mängeln/Gefahren vom Markt gezogen wurde!) und ich finde Sie irgendwie sympathisch.’ Ohje, soll ich mich jetzt bedanken. Ich sage ‚Danke, wie nett.’ Ganz schnell und leise. Und denke fast sofort ‚Und wenn ich dir nicht sympathisch gewesen wäre? Was hättest du mir dann alles nicht erläutert?’. Mit dem Wechsel von Privat- zu Kassen-Versorgung werde ich jünger, man spricht nicht wie mit Erwachsenen mit Kassenpatienten, sie sind wie Kinder zu behandeln, oder wie zu Alte, die ja wieder wie Kinder behandelt werden – ich denke, das spart Zeit, weil man mehr Befehle gibt, wie bei einem Kind, wenigstens bevor man anfing, auch Kindern Dinge zu erklären. Ja vielleicht sind Kassenpatienten wie Kinder aus dem vorigen Jahrhundert. Der junge Augenspezialist war mir eigentlich sympathisch, er sah ein wenig aus wie mein älterer Sohn, gut und etwas stämmig, mit schönen Augen, und er nahm sich fast so viel Zeit, wie ich gerne wollte, bis er dann meinte, dass ich ihm sympathisch sei – da wurde er mir schlagartig unsympathisch. Ob ich wohl zurückkomme, in 9 Monaten, zur Kontrolle?

© Wladimir