Der Sommer meines Lebens

Die meisten Sommer sind ja nur naja, nie vollkommen, das Wetter passt nur die Hälfte der Zeit, großzügig gerechnet, man geht nie in genug Biergärten ect.

Doch der Sommer, in dem ich 18 wurde, war GROSS. Er fing an mit dem neuen hellgrün-geblümten Badeanzug. Lovely girl - das hörte ich tatsächlich im Freibad hinter mir hermurmeln. Ich war täglich im Freibad, Wetter war bald kein Thema mehr. Wir wiegten uns in der Gewissheit des gleichbleibenden Blau-Weiß-Heiß. Ich traf mich immer auf der hinteren Wiese beim Sprungturm, mit meinen beiden besten Freundinnen. Die Jungs um uns herum fanden wir eher blöd, nur die bewundernden Augen mochten wir, wenn sie nicht aufdringlich waren. Einer der Blicke war von einem breitschultrigen, sommerbraunem Großen, der immer ein Buch dabei hatte. Und er blieb manchmal auf seinem gestreiften Handtuch liegen und las, wenn seine Freunde sich im Sprungbecken produzierten. Er war brauner und deutlich interessanter.

In der zweiten Juliwoche fragte er mich, was ich denn da läse ('Auf der Suche nach Troja' von Schliemann war es gerade), in der dritten wartete er immer mit einem Cornetto Erdbeer bei seinem Handtuch auf mich, es schmolz nie, ich war immer zeitgleich da. Ende Juli kamen wir nie mehr mit ins Bad, wir fuhren mit unseren Rädern an den See, zum Nahtlos-Bräunen und andern Sachen, die man besser nicht im Freibad machte, zum Lesen, zum Reden, zum Plänemachen. Im Herbst würden wir beide anfangen zu studieren. Archäologie in Rom - ich. Er war wollte internationales Recht machen und hatte rausgefunden, dass man das in Santiago de Chile an einem Ableger der Heidelberger Uni belegen konnte. Er würde Südamerika durchstreifen und die Sprache lernen und – und – ich fand ihn umwerfend, unwiderstehlich. Unsere Gedanken waren bei Billigflügen zwischen Italien und Chile, bei wie ähnlich wohl Italienisch und Spanisch wären. Meine kreisten außerdem intensiv um seine Sommersprossen am Schlüsselbein, da wo die Mulde ist, da wo mein Kopf zu liegen kommt. Er nannte mich 'Samthaut'. Haut war in diesem Sommer so. Braun. Heiß. Samtig. Schimmernd. Alles war absolut möglich. Unser Körper und Geist waren unzertrennlich – wie wir.

© Wladimir