Ich hatte einen Palast in Chile

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Ich hatte einen Palast in Chile | story.one

'Ich hatte eine Farm in Afrika' - nein, das war Karen Blixen alias Meryl Streep - ich hatte einen palacio in Chile, hoch über Santiago.

Patricia, unsere Maklerin, fuhr mit uns immer höher hinauf. Wir wollten dem Smog entkommen. Schließlich waren wir verliebt in alles an dieser grandiosen glitzernden Metropole, in alles bis auf die schlechte Luft. In das Condominium 'Los Quillayes' kam man nur durch Schranken mit Wärterhäuschen, als Besucher angemeldet oder eben mit Makler. Nach dem gesicherten Eingang teilte sich die kleine Strasse, wir fuhren rechts, bergauf, nur nicht mehr ganz so steil und in sanften Schwüngen, nicht mehr in Serpentinen. Wild, riesig schien mir dieses Gebiet. Ich sah um uns nur Grün und Felsen. Wo waren die Häuser? Jedenfalls nicht sichtbar von der Strasse aus. Patricia bog ein in ein Grundstück, öffnete mit einem Maklertrick das elektrische Tor, das wir bald, bei einer Holzlieferung, verbiegen würden und machte den letzten Schwung um zum Stehen zu kommen. Wir parkten auf Sand, auf einem weiten, runden Vorplatz mit einem Dings in der Mitte - einem Brunnen?- eingefasst von Agaven, Palmen und Orangenbäumchen in Marmortrögen, eine breite, flache Steintreppe führte zu einem dunklen Eingangsportal, an beiden Seiten von Glasnischen eingefasst. Selbstverständlich lächelnd ging Patricia uns voraus, mM folgte, unsere drei Kinder sprangen hinter uns hoch.

Wir mieteten das Haus, lebten etwas über ein Jahr auf den Ausläufern der andinischen Berge auf den höchsten Hügeln der Stadt, brauchten nur eine dreiviertel Stunde zum nächsten Skigebiet, gewöhnten uns und unseren alten Bernhardiner an die 'große Runde', die sich als ein Oval in Schräglage herausstellte, gewöhnten uns nie ganz an das Leben mit Martha und Eduardo, dem älteren peruanischen Paar, das für uns und das Haus und das Gelände sorgte. Ich entwickelte eine Obsession mit Holz, Heizholz. Ich erspähte kleine Handlungen überall, selbst Bretterverschläge.

Auf den Eingangsstufen drehte ich mich zu mM und sagte "Hier können wir nicht leben, das sind wir nicht!". MM hatte dieses Lächeln, das sagt 'Ruhe, ich träume!' Beim Spazierengehen lernte ich es von der gegenüberliegenden Seite des O's aus zu identifizieren, war ganz einfach mit der weißen Kuppel auf dem Turm. Moschee, so nannten die Nachbarn es. Zum Essen, von Martha zubereitet, läuteten wir die Glocke, damit die Kinder Bescheid wußten.

Ja, wir hatten einen Palast in Santiago (mit Tennisplatz und Pool). Nach einem Jahr bot uns der Eigentümer an, den Palast zu kaufen. Da endlich war uns ganz klar, was hier falsch war. Wir luden unsere Möbel wieder ein und kurvten runter in die Stadt, etwas schlechtere Luft, ein normales Haus (mit ganz kleinem Pool), einer jungen Nana, die dreimal die Woche kam (man gibt auf jeden Fall Arbeit, wenn man kann), einer Tischtennisplatte im Garten. Ich kochte, manchmal auch P oder L's Freund Sebi mit mir zusammen, unser Ding war Steak mit Rosmarin, alá Jamie Oliver.

© Wladimir 04.03.2020