CORNUCOPIA

Ein kleiner Junge hörte wie seine Mama zur Nachbarin sagte, sie müsse beim Einkaufen neben Brot, Kartoffeln und Käse an Obst denken. Obst, das kannte er nicht. Was war das, Obst? Es klang groß und rund, geheimnisvoll. Obst. 'Mama', sagte der kleine Junge, 'bring ganz viel Obst mit! Ich will Obst!' 'Was möchtest du denn?', fragte seine Mama, 'Äpfel, Bananen - Erdbeeren?' 'Nein, nein', sagte der Junge, 'Obst.' Nicht mal Kirschen wollte er, obwohl er Kirschen sehr liebte. Er hatte Tränen in den Augen.

So will ich Italien.

Es hat früh angefangen. Mit Filmen, so alten, wie 'Roman Holiday'. Ich träumte von Ferien (von mir aus mit Eltern im Hintergrund, anders konnte ich mir das mit 12 noch gar nicht vorstellen) - in Italien. Ich wäre schön und braun und Jungens würden mit mir Abends - was?ausgehen, tanzen, mich küssen? Ich wußte es nicht. Auf jeden Fall, würde das in Italien sein, irgendwo mit Meer und Strand und Bars und...

Als ich meinen ersten Italienohneelternmitbesterfreundinurlaub machte, verliebte ich mich in einen Schweizer, und ging zu einem italienischen Friseur und kam mit einem umwerfenden asymetrischen Schnitt wieder raus, nur um durch einen Regensturzbach lachend zur Pension zu laufen und sprach voller Wein und Campari mit dem Schweizer betrunken Italienisch. Ein paar Jahre drauf brach die Achse des sehr alten roten Spitfires meines neuen Freundes, nicht weit hinter dem Brenner. Die 3 Tage, die wir brauchten um die Ersatzteile zu bekommen, standen wir auf einem Feldweg und klauten Tomaten. Am Schluß saßen wir bei einem alten Mann aus dem Dorf, in dem uns nun alle kannten, bei Pasta und Grappa in der Küche. Den zweiten Teil des Trips verbrachten wir in einem Zimmer, das wir im Haus einer Familie mieteten, auf deren Dachterrasse die Trauben hingen und von wo aus man den Film vom Freilichtkino gegenüber gucken konnte.

MM und ich und noch so drei, vier Freunde fuhren als wir uns erst zwei Wochen kannten in einem Polo nach Italien. Er saß immer vorne, weil er so groß ist, und ich in der Mitte hinten und er hielt meinen Fuss fest, den ich nach vorne streckte. Wir waren unerträglich. Das blieb dann so. Wir heirateten in Verona, mit einer Feier auf einem Weinberg.

All das ist wahr und viel zu kitschig.

Italien ist ein Land in Europa, mit aktuellen politischen Herausvorderungen, mit Flüchtlingsproblemen. Wahrscheinlich gibt es sogar hässliche Gegenden.

Vielleicht gibt es Italien gar nicht. Vielleicht existiert nur ein Land am Meer, mit Wärme und Orangen, Strand und unvergesslichen Gemälden, einfachem und unvergleichlichem Essen, viel Wein und auch Neonpizzerias, Plastikflamingos auf Plätzen, teils dreckigen Stränden, zu viele Touristen. Vielleicht sind alle Erinnerungen nur so, weil ich aus 80% Vorhandenem 100% Glück mache, in meinem Kopf. Vielleicht gibt es kein Obst, nur Splitter.

Wenn wir die A8 von München nach Salzburg fahren, möchte ich trotzdem oft abbiegen, rechts, dahin, wo 'Brenner' steht.

© Wladimir