Leere am Berg oder die Idee einer Gondel

  • 92

Also, als ich gerade meine Kaffeetasse hochhob, habe ich den größten Schreck gekriegt! Beim Hochblicken - und dem An-den-Mund-Führen der Nährflüssigkeit - schaue ich immer geradeaus, über die Terrasse und Wiese hinweg, Richtung des Bergs, der auf Augenhöhe etwas weiter weg vor mir steht. (Noch ist der Untersberg halb mit Schnee bedeckt. Im Frühling ist er mein Barometer, je weiter der Schnee schmilzt, desto höher steigt meine Stimmung. Schnee weg, Temperaturdurchschnitt gut - Sommer kommt.)

Also, der Schnee ist noch da, und die Temperatur schwankt auch noch gewaltig zwischen Winter und Frühling. Morgen zum Beispiel sollen es 18 Grad werden und ich hab mir fest vorgenommen, draußen zu kochen, ein Chili über offenem Feuer. Draußen Kochen ist mein absoluter Luxus, weil mich das so frei fühlen lässt, dass der Malboro-Mann und Jamie Oliver ihre eigenen Feuerstellen austreten und fragen, ob sie auf meinen Baumhockern mitsitzen dürfen, um was von meiner ganz großen Freiheit abzubekommen.

Also der Schnee gibt dem Berg viel weiße Farbe, und der Himmel ist gerade ganz hell, fast weiß, ich schaue kurz hoch, will einen Schluck heißen Kaffee nehmen - und erschrecke. Wo ist die Gondel? Die fährt sonst an allen Tagen, die hell und klar sind. Sie ist mein Fels im Leben. Sie ist das Versprechen, dass die Untersbergbahn fährt und mich auf den Gipfel bringt, wenn ich da hin will, 'an guten, wie an schlechten Tagen!' Nun fährt sie nicht. Punkt. Eigentlich klar, wenn ich drüber nachdenke. Warum sollte sie denn fahren? Nichts ist, wie es war! Keiner geht raus, der nicht zur Arbeit muss, oder Lebensmittel braucht, oder spazieren gehen will, allein oder zu zweit. Veranstaltungen gibt es nicht mehr und Lokale sind viel zu gefährlich. Wer würde alleine mit seinem Auto oder Rad zur Talstation fahren und dann auf die Gondel warten, um sich hochfahren zu lassen? Wozu? Das Gipfelrestaurant kann ja nicht offen sein.

Also - also, man hat die Gondel eingestellt. Sie fährt jetzt nicht. Der kleine schwarze Punkt, den ich mit bloßem Auge nur mit Konzentration erkenne und den ich beim Kaffeetrinken so oft beobachte, der ist da nicht mehr. Er war für mich sowas wie die Sonne, immer da, egal was ICH mache, außerdem ein Symbol aller menschlichen Möglichkeiten, ein hohes Gut. Was kann weiter-weg-liegender sein als die Idee, mit einem Eisenkasten mit Fenstern drin Menschen an einem Seil einen Berg heraufzuziehen? Erbaut wurde die Untersbergbahn in drei Jahren, 1958 - 1961. Nach dem Krieg also. Und nun hat die größte Nachkriegskrise sie gestoppt.

Also - da ist nichts, nichts zu sehen, kein schwarzes Pünktchen vor Schnee! Dem Himmel gegenüber fehlt jede Dimension und Tiefe.

Also, das ist es also! Keine Gondel! Kein Klopapier, kein Kino, kein Kursbetrieb nirgends - das war dagegen nur wie ein kurzes Luftanhalten.

Die Gondel wieder in die Höhe schweben zu sehen! Nur widriges Wetter konnte sie je aufhalten, nichts anderes! Oh, Gondel...

© Wladimir