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#1sommer1buch

Masquerade

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Masquerade | story.one

Neuer Alltag. Auf dem morgendlichen Gassigehweg liegt eine blaue Einwegmaske aus Zellstoff. Lucy schnuppert dran, ich bin nicht sicher, ob sie sie gleich zerfleddert, wie sie es mit Taschentüchern macht, die sie liebt und mir immerzu aus der Jeans klaut. Ohne nachzudenken reiße ich sie am Halsband rum. 'Nein, nicht', murmle ich, 'ausgeatmete Coronateilchen – pfui!' Noch vor dem ersten Kaffee krieg ich die aktuelle Weltlage auf dem Trottoir präsentiert. Hier im Viertel wird Abends kräftig ausgegangen, die Gehwege sind schmal geworden durch mit Baustellenband rotweiß markierte Flächen mit Tischen und Stühlen, davor 'Ihr Parkplatz für meinen Arbeitsplatz, danke!'-Schilder. So ein Schild, wenn es nach 50 Jahren von einem Müllkippensammler der Zukunft gefunden würde, was würde der denken? Was hätte ich noch vor einem Jahr gedacht?

Die Welt scheint mir so unzuverlässig geworden. Menschen, die abends mit einem Mundschutz eins der Restaurants meiner Straße betreten und später auf der Straße ebendiesen verlieren, weil ziemlich angeschickert. Fünf Meter weiter lese ich am Zeitungskasten 'Ältere nehmen es lässiger.' Auch das wäre eigentlich ein kryptischer Satz, ohne aktuellen Zusammenhang, oder? Ist aber auch meine Erfahrung mit meiner Mutter. Sind wahrscheinlich weltkriegserprobt weniger hysterieanfällig oder vielleicht haben alte Menschen den unvermeidbaren Ausgang so vor Augen, dass es eben wichtig erscheint, gelassen den Tag zu genießen? War das Epikur oder die Stoiker? Einer hatte es mit viel gutem Essen, einer mit so einer steifen Unumwerfbarkeit. Könnte beides gerade gut passen. Fokus aufs Essen und felsenfeste Theorien. Ist es eigentlich eine Hochblütezeit der Philosophie, gerade jetzt?

Später, mein Hund ist wieder daheim, in Sicherheit, gehe ich in meinen Bioladen, wo ich einen Espresso und ein Croissant an der Stehtheke möchte, wie immer, wenn ich in der Stadt bin. Ist aber 'leider noch nicht möglich'. 'Verstehe', sage ich. Ich lächle, und hoffe, dass man das an meinen Augen sieht. Schließlich kann der Mitarbeiter nichts dafür und hoffentlich hat er genug Kundschaft, ohne Theke. Gehe dann ich in ein nahes Delikatessengeschäft, wo ein paar Tische in großem Abstand an der offenen Eingangstür stehen. Öffnungslogik ist mir gerade nicht wichtig, ich brauch' einen Kaffee. Ideal, denke ich. Während ich meinen Milchkaffee trinke, beobachte ich die Passanten, wie immer. Neu ist, dass man überlegen kann, wer wie unter der Maske wirklich aussieht. Gute Zeiten für zu große Nasen, denke ich. Schlechte Zeiten für neue Lippenstiftfarben. Ganz blöd, wenn bei jemand das Lächeln nicht bis zu den Augen hochkommt.

Ich ertappe mich dabei, wie ich denke, dass die sichtbare Welt viel weniger hält als versprochen. Und das ermöglicht es mir, über alles, was in den Bereich Nicht-Verifizierbar fiel, bis jetzt wenigstens – also so was wie Dinge, an die man glauben muss, weil sie unbeweisbar scheinen – neu nachzugrübeln...

© Wladimir 2020-07-14

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