Stadtgang

Sie begann mit der Unterwäsche, das war einfach, alle ihre BHs und Slips waren schwarz und sportlich. Schwarz konnte ja schlüpfrig sein. Ihre Sachen waren aber aus Baumwolle. Sie hatte auch einen BH aus Spitze, halbdurchsichtig, aber das ging schon, Unterwäsche ist ja nur zum privaten Vergnügen da, oder? Sie griff zu der dunklen Jeans, die lag noch auf der Badewanne, mit den Falten in den Kniekehlen und dem ausgeweiteten Hinterteil. Aber nein, heute wollte sie sich doch schick machen. Früher hätte sie nun zu einem Bleistiftrock gegriffen, mini oder knöchellang, in jedem Fall figurbetont. Dazu ein guter Ledergürtel, ein anliegendes Seiden-T-shirt oder Rolli, monochromatisch. So streckte es, sah nach was aus. Dunkel, schwarz, grau, blau oder tomatenrot oder kamelfarben. Sie schlüpfte in den Minirock aus cool wool, das Seiden-Tee, die schwarzen Pumps – Schwarz mit Dunkelblau war immer elegant – und trat vor den Flurspiegel. Je näher sie trat, umso schlechtgelaunter wurde sie. Sah das nicht nach nichts aus? Kein Glanz lag in diesem Auftritt, gar nichts. Das Schlichte ließ ihr Alter nur besonders gut zur Geltung kommen. Und das Mini vom Minirock! Ihre Beine hatten diese Leichtigkeit verloren, die Haut glänzte nicht mehr. Vielleicht mit schwarzen Seidenstrümpfen? Zurück zum Spiegel, wieder rein in die Pumps. Das sah besser aus, ja, aber so konnte sie den Sommer nicht mehr fühlen. Und nun verlor sie auch die Schuhe, musste sich mit den Zehen festkrallen. Das würde sie keinen langen Tag überstehen.

Sie versuchte es anders. Das rote Kleid. Etwas Besonderes! Aber sie hatte keinen Grund, es nicht heute anzuziehen. Sie war brünett, immer leicht gebräunt. Sie warf die blauen Sachen aufs Bett und ging barfuß in Rot zum Spiegel.

So hätte ihre Mutter ausgesehen! Sie fummelte den Seitenreißverschluß auf und trat das Kleid nach unten, stieg nochmal drauf. Ihre Laune war nicht gestiegen, zum Markt, um Himbeeren zu kaufen, dazu war es nun fast schon zu spät. Die Himbeeren hätten toll zum Kleid gepasst. Pech. Sie schlüpfte in Unterwäsche in die Küche, nahm sich eine Tasse Kaffee und kippte einen Grappa hinein. Über dem Frühstückstischchen hing ein kleiner ovaler Spiegel. Sie sah zwei Rollen in Rippenhöhe. Brauner Speck, dachte sie. Bestimmt wäre es das Beste, doch einfach die Jeans anzuziehen und sie mit einem gutgeschnittenen Jäckchen aufzubessern. Sie schlüpfte in die vorgeformte Jeans und blätterte dann die Blazer durch, nicht viele, hochwertig. Sie zog das schwarz-weiße Chanel-Jäckchen direkt über den durchsichtigen BH. Es spannte etwas, schon wieder sah sie die Ringe.

Da klingelte es an der Tür. Ohgott, das war bestimmt die Post. Immer wenn ihr Nachbar etwas online bestellte, gab der Postbote es bei ihr ab. Blöd, als ob er damit rechnete, dass sie immer zuhause war und der Nachbar eben in der Arbeit zu sein hatte. Aber der Post musste man doch aufmachen. Sie streckte ihm schon die Arme entgegen, um schnell zu machen. Sie lachte.

© Wladimir