Taxi vom Literaturinstitut zum Bahnhof

Ich war etwas geknickt als ich zu ihr einstieg, nicht ihre Schuld. Wir sprachen von den Osterglocken auf den Seitenstreifen und den neuen Fahrradständern, die sich die Stadt überall geleistet hatte. Von den grauen alten Häusern sprachen wir nicht.

Ich wollte in meine Verstimmtheit zurückkriechen, ihre dunklen Wurzeln ein wenig beschnuppern. Konnte ich ihr zuhören ohne zu antworten, wie dem Meer bei einem Spaziergang? Sie erzählte mir, dass sie froh sei, uns alle herumzufahren, auch heute, am Sonntag. Ihr Mann war vor 2 Jahren gestorben. Plötzlich. Nach einem Bagatelleeingriff. Sie hatte Beistand bei einem Fremden gesucht. Die Familie, die hatten alle so viel um die Ohren.

Sie merkte erst gar nicht, wie oft sie auf seiner hellgrauen Couch saß. Da war noch eine offene Frage in Bezug auf die Gravur der Plakette für die Baumbestattung. Als sie dann die Urne mit der Asche ihres Mannes in den Händen hielt, schwankend, ging er neben ihr her, die Friedhofswege lang, bis zum angrenzenden Wäldchen.

‚Wie schön das gewesen war!’, erzählte sie mir hier im Taxi.

Es war der erste warme Tag, über 20 Grad, sie hatte die Klimaanlage laufen, eigentlich hätte ich lieber mein Fenster geöffnet.

Sie erzählte weiter. Nun hatte sie einen neuen Mann in ihrem Leben. Sie klappte die Abblende runter, zum Beweis, und zeigte mit zwei Männerfotos. Beide lachten.

'Ihr Mann und ihr Sohn?', rutschte es mir raus.

‚Oh!’, meinte sie, als wäre ihr die Ähnlichkeit bis jetzt entgangen. Der rechte war ihr Mann, ja ihr verstorbener Mann, der andere war ihr Bestatter. Also der Bestatter ihres Mannes. ‚Der neue Mann in meinem Leben!’

Der Mann auf Foto 2 war höchstens 45, auch auf den zweiten Blick. Hatte sie ein Verhältnis mit diesem Bestattungsunternehmer angefangen? Was will er denn von ihr, auf was ist der aus? – ich konnte nicht zu Ende denken, sie sprach weiter und weiter.

‚Er ist gerade beim Eisfischen, so mit Loch ins Eis hacken und Angel reinhängen’ – irdendwo in der Wildnis, wo genau, hab’ ich nicht richtig verstanden.

‚Aber am Abend hat er Internet und ruft an.’ Sie strahlte. ‚Und dann gehen wir ja auch bald zusammen Fallschirmspringen. 2000 Meter! Man lebt nur einmal! Das hat er gesagt. Deinen Bestatter haste ja dabei....’

Ich hatte meine Wurzelbehandlung im Stich gelassen. Fallschirmspringen mit eigenem Bestatter, das hatte doch was! Warum war ich nur immer so? Sie gestand mir noch, dass sie ihr eigenes Begräbnis durchgegangen waren. Wahrscheinlich auf der grauen Couch bei Kaffee/Kuchen.

‚Auf dem Wasser. Vor den Malediven. Da ist es wunderschön und so warm!’

Vorfreude erhellte ihre Züge.

‚Ich mache das persönlich, deine Asche über Bord streuen. Da geht nichts schief, versprech’ ich dir!’

‚Da freue ich mich schon drauf!’– hatte sie das gesagt?

Gleich müssten wir am Bahnhof sein, ich kannte die Strecke. Zeit aus dem Kühlschrank rauszukommen! Wieder strahlte sie mich an. Die Sonne war so warm, dass sie die Klimaanlage laufen hatte.

© Wladimir