The uncool girl

Frühmorgens sitze ich in der kleinen Küche meiner winzigen Stadtwohnung und lese über meinem Kaffee. Ich bin alleine, auch das passiert hier öfter. Doch das Buch überwältigt mich und dann erinnere ich mich mit allen Sinnen, unvorbereitet.

Mit 14 ungefähr (ich kann mich nicht genau an mein Alter erinnern, nur daran, dass ich schon ein paar Jahre auf dem humanistischen Zweig des Gymnasium war, aber noch nicht in den höheren Klassen, in der Kollegstufe - denn da war ich schon entschieden und hatte in der Badewanne auf Körperform gebrachte, zerrissene Jeans und weite weiße Männerhemden und Jackets meines Vaters an) fuhr ich in den Ferien mit meiner besten Freundin S. zu einem von der Kirche angebotenem Sommer-Camp. S. und ich waren in keiner Clique, wir waren nicht 'pupular', sie war komplett unsportlich, ich ziemlich (erst später entdeckte meine neue, erstaunte Sportlehrerin, dass ich gut Skifahren konnte), sie war Klassenbeste, ich wuchs gerade aus meiner Mathebegabung raus und war noch nicht bei Deutsch als Fach der Literaturaffinen gelandet. Las aber schon lange die Nachmittage und Ferien durch; was hätte ich auch sonst tun sollen?

Ich war mit meinem dicken aufmerksamkeitserregenden Kosmetikkoffer angereist, in dem ich alle Flüssigkeiten für meine Kontaktlinsen hatte (ich war wirklich sehr kurzsichtig, ungewöhnlich kurzsichtig und trug seit ich 13 war Kontaktlinsen), mit dem ich morgens und abends zu den Waschbecken ging.

Es war ein staubiges, heißes Kamp, es gab zu viele 'Betreuer' und es passierte nicht genug. Ich verliebte mich in den angehenden Jungpriester und S. sich in einen der Betreuer, beide Teil des Teams. Trotzdem empfanden wir dieses Zeltlager als Strafe, als Durchhalten. Kurz bevor ich meine Eltern anrief, dass wir bitte früher abgeholt werden möchten, bitte, hatte ich Geburtstag. Ein Früh-Teenager-Geburtstag. Kein Kind mehr, mit von Mama und Oma ausgerichteter Geburtstagsparty im Garten, gab es keinen Frankfurter Kranz mit Kerzen. Aber wir alle saßen im Kreis um die Stelle herum, wo sie abends immer ein Feuer machten, hatten irgendwas zum Frühstücken in der Hand. Beinahe kann ich es riechen, die trockene Staubigkeit und das Zeltlager. Ich glaube, sie haben für mich gesungen, 'Alles Gute und viel Glück'. Auf jeden Fall wollte ich irgendwann aufstehen, ich saß auf keinem Hocker, auf keinem Stein, ganz unten am Boden muss ich gesessen sein. Ich stützte meine eine Hand neben mich auf dem dreckigen Untergrund auf, ich brauchte eine Sekunde, eine zu lange, um hochzukommen. Noch heute weiß ich zweifelsfrei, was die einzig akzeptable Art Aufzustehen war, aus dem Schneidersitz, ohne Zuhilfenahme der Arme oder Hände, mühelos. Ich hatte alle Blicke auf mir, schien es. Vielleicht weil es mein Geburtstag war.

In gewisser Weise habe ich mein Leben damit verbracht, mich von diesem Image wegzubewegen.

© Wladimir