Luft-Lehre.

Warschau, 1997.

3 Jahre atme ich bereits die Luft in dieser wild wachsenden Stadt. Jetzt ist es an der Zeit, in ein eigenes Haus an den Stadtrand zu ziehen und etwas Frischluft zu genießen. Doch an diesem ganz normalen Wochentag sollte mir die Luft wegbleiben.

Wir sind um 15 Uhr mit einem erfahrenen Bauinspektor in dessen Wohnung verabredet, um Vorarbeiten zur Abnahme des Hauses zu besprechen. Ich bin als einziger pünktlich an der Adresse im Zentrum, bei einem für diese Stadt so typischen grauen Haus.

Ich läute an einer dieser typischen grau-braunen Sprechanlagen und werde in den 3. Stock gebeten. Ein kleiner, alter, sehr freundlicher Mann öffnet und bittet mich in ein ganz typisches Wohnzimmer. Seine noch kleinere Frau bietet mir Tee an. Alles in grau oder braun. Zeit für Small Talk.

"Ich höre an Ihrem Akzent", sagt der kleine alte Mann, "dass Sie nicht aus Polen stammen." "Richtig", sage ich, "ich bin Österreicher".

"Österreich? Ich habe einige Zeit in Österreich verbracht!"

"Wirklich? Wo denn?"

Ich erwarte die typischen Kommentare über Wien als schöne Stadt oder über Schifahren in den Alpen.

Doch der Bauinspektor rollt seinen Ärmel auf und bringt eine merkwürdige Tätowierung zum Vorschein. "Mauthausen."

Atemstillstand. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich absolut keine Ahnung, was ich sagen soll. Ich weiß nicht mal, was ich denken soll.

Glücklicherweise hat der kleine Mann Mitleid mit mir und erzählt mir, dass er, als er befreit wurde, nicht wusste wohin er sich wenden sollte - seine Familie war nicht mehr am Leben oder verschollen. Eine Bauernfamilie im Umkreis nahm ihn auf, gab ihm zu Essen und später Arbeit. Er blieb noch 3 Jahre in der Gegend und lernte Österreich von einer anderen, anständigen Seite kennen.

Er war im Frieden mit Österreich. Und ich konnte wieder atmen.

Doch ein Gedanke lässt mich seit diesem Moment nicht mehr los: Sind wir Österreicher denn im Frieden mit unserer Geschichte? Haben wir die Lehre gezogen?

© Wolfgang Eigner