Das Öffi für alle Altersstufen

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Das Öffi für alle Altersstufen | story.one

„Seien Sie fürsorglich: überlassen Sie Ihren Sitzplatz denen, die ihn notwendiger brauchen!“ Ein Satz, den die freundliche Ansagerin im Öffi so dahinsagt: aber was bedeutet notwendig haben? Ja es ist notwendig täglich die Wirkung zu überprüfen die man auf andere hat. Das Öffi ist dazu eine große Bühne, auf der man täglich den Auftritt proben kann. Eine Jahreskarte zahlt sich durchaus aus.

Aus dem Alter ist man schließlich draußen in dem die Kindergartentante anordnet: immer zu dritt auf zwei Plätzen sitzen! Aber man gehört doch zur alten Schule; und daher nicht zu denen die sitzen bleibt und dabei denken: wenn ich sitze kann ich mir Deinen Hammer-Hintern genauer betrachten. Auf Augenhöhe.

Und so ist die erste Altersstufe die des Kavaliers in Warteposition: man bleibt sitzen, aber nicht, weil es notwendig wäre. Bei Gott nicht. Man behält seinen Platz, weil man auf die eine wartet. Auf das Wesen, dem man alles zu Füssen legt, auch den Sitzplatz, was immer sie damit mit den Füssen macht. Jenes Wesen mit dem man sich alles vorstellen kann. Alles! Und mit der man gemeinsam unterwegs sein möchte. Bis zur nächsten Haltestelle.

Sie kommt nicht, diese eine kommt nie – sie benutzt offenbar keine Öffis. Oder halt zu anderen Zeiten. Mit Sicherheit kommen aber die vier Personen, die an sich reservierte Plätze hätten: die Schwangere, die Mutter mit geborenem Kind am Schoß, der Mann mit Krücke und der Blinde. Meist kommen alle vier, aber ihre Plätze sind schon besetzt. Man ist also fürsorglich…

Ganz bestimmt kommt aber die nächste Altersstufe, die sogenannten besten Jahre. Man betritt dann den Wagen nicht, nein, man erscheint. Fast empfindet man so etwas wie Mitleid mit den anwesenden Damen: nur eine einzige kann es sein, der man die Gunst schenkt – und auch das nur bis zur nächsten Station. Die Blonde da, die ihre wasserblauen Augen auf ihr E-Book heftet? Da: sie blickt auf, Blickkontakt! Ist es das Begehren, das man in ihren Augen lesen kann?

Nein es ist Mitleid: sie erhebt sich von ihrem Platz und bietet ihn an! Sie ist eben fürsorglich.

Die letzte Stufe kommt so sicher wie die Endstation, bei der alle aussteigen müssen. Man klettert behände die steilen Stufen des Wageneingangs empor um dann oben erfreut festzustellen, dass es ein Niederflurwagen ist. Noch schwer atmend stellt man fest, dass dies beim weiblichen Teil der Passagiere durchaus Beachtung gefunden hat: eine alte Frau stemmt sich mühsam an den Armstützen hoch, schwerfällig tastet sie nach der Griffstange, um ihrem gebeugten Körper im schlingenden Wagen Halt zu geben. „Setzen`s eanah. Sie brauchen`s“

© Wolfgang Ferdinand Vogel 06.06.2020