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#1sommer1buch

Das Geheimnis des Toteislochs

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Das Geheimnis des Toteislochs | story.one

Ratlosigkeit am Rand des Toteisloches. Ein mysteriöser Fund: vor ein paar Tagen ragte ein Stück Textil heraus. Ein fest gewebter Stoff. Vorsichtig wurde rund um den Fund gegraben; und da kam ein fester Sack zum Vorschein. Ein wasserdichter Postsack gefüllt mit Geldscheinen. Euro-Banknoten. Ein paar kleine Scheine, vorwiegend aber größere. Insgesamt 65.000 Euro.

Postsack – Postraub? Kriminelle Herkunft? Die Vorstellung, dass Beute einfach so irgendwo vergraben wird, ist wohl zu romantisch. Noch dazu in einem Toteisloch. Das ist eine eiszeitliche Hinterlassenschaft: wenn sich ein Gletscher zurückzieht geschieht dies ja nicht auf einmal; Winter und Sommer gibt es ja immer noch. Einmal wächst der Gletscher, dann schrumpft er wieder. Und da gibt es immer wieder Vertiefungen, die vom Eis überdeckt werden. Schließlich wird ein Loch mit Eis vom übrigen Gletscher getrennt. Das Eis schmilzt langsamer, der Boden darunter wird stark komprimiert; es entsteht ein kleiner See, eine Lacke. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte verlandet das Ganze. Es wird zu einem Moor, einem Sumpfgebiet, zu einem Biotop mit besonderer Fauna.

Der Waldbesitzer hat dieses Biotop stehen gelassen. Wenn es viel regnet entsteht ein kleiner See, sonst trocknet es aus. Dabei werden dann solche Funde sichtbar. Sicherlich ein attraktiver Ort, aber nicht um eine Beute zu verstecken.

Zwei Jahre später noch so ein Fund: diesmal 25.000 Euro. Und eines der Geldbündel hatte noch die Banderole der nahen Sparkasse. Das half auch nicht weiter. Niemand konnte sich erinnern.

Aber man erinnerte sich an einen älterer Herrn, der als sehr sparsam galt und in einem Blockhaus lebte. Er sollte recht wohlhabend gewesen sein. Nach seinem Tod suchte man Angehörige und wurde tatsächlich fündig: eine Tochter aus einer nichtehelichen Verbindung. Den Kontakt zu ihr hatte er nie gesucht. Sie übernahm – widerwillig - die Begräbniskosten und bekam dafür das Blockhaus samt Inhalt. Den überließ sie kostenfrei einem Entrümpler, wie gesehen und bewertet.

Und der fand dann die Lösung des Rätsels vom Toteisloch: eine Schatzkarte, fein säuberlich gezeichnet und auf die Unterseite einer Lade geklebt: die genaue Beschreibung in welchen Säcken welche Summen versteckt waren und das entwertete Sparbuch, von dem das Geld abgehoben worden war.

Wem aber gehört das Geld, das mittlerweile als Fundgegenstand verwahrt worden ist? Das Geld gehört der Tochter als gesetzliche Erbin, entschied das Nachlassgericht. Die Schatzkarte wurde als Beweis anerkannt, dass es sich um einen Bestandteil der Erbmasse handelt. Und nicht als Anspruch auf das Geld – wie der Entrümpler gemeint hätte.

In der Sparkasse erinnerte man sich auch an den älteren Herrn. Mitten in der Finanzkrise des Jahres 2008 hob er das Geld ab: „Ich trau den Banken nicht,“ flüsterte er der Bankangestellten zu: „ich bring das jetzt in Sicherheit!“

Im Toteisloch

© Wolfgang Ferdinand Vogel 2020-08-21

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