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Der Palmbuschen

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Der Palmbuschen | story.one

Am Palmsonntag kam sie immer. Nach dem Kirchgang. Die vier Kilometer von der Kirche bis zu unserem Haus zu Fuß. In zunehmendem Alter und wenn das Wetter nicht besonders gut war, freute sich, wenn man ihr entgegen fuhr und sie aufnahm. Immer hatte sie den Palmbuschen dabei. Traditionell gebunden mit den sieben verschiedenen Gehölzen und – natürlich – geweiht.

Das ging heuer nicht. Corona. Doch dann ein Anruf: „Zum Essen kommen – das geht natürlich nicht. Aber euer Palmbusch der ist bereit zum Abholen.“

Traditionell gebunden mit sieben Gehölzen und geweiht. Wie? Wahrscheinlich digital!

Es handelt von meiner Mutter. Sie ist 98 Jahre alt, sie liest Tageszeitungen seit einigen Jahren nur noch digital – weil ihr die Papierentsorgung zu mühsam und beschwerlich ist. Sie hat sich wahrscheinlich den Segen von oben auch digital geholt. Ihre Zukunft baut auf die Digitalisierung.

Und schließlich haben ja alle Glaubensgemeinschaften gelernt, dass Seelsorge nicht nur im Anfüllen von Gotteshäusern besteht. Dabei wurden ja durchaus einprägsame Bilder kreiert; man denke nur an den einsamen Papst im riesigen Petersdom und draußen der regennasse leere Petersplatz.

Meine Mutter sitzt da mit ihrem Tablet. Sie weiß dass ihr Enkel im Corona-Hot-Spot New York festsitzt. Sie schickt ihm viel Kraft. Digital.

Sie hat Kontakt zur Tochter, die samt Familie in Kansas festsitzt. Via Skype schickt sie beste Wünsche auch an die Urenkel, die sie noch nie gesehen hat. Außer auf Skype. Von einem ihrer Enkel hat sie sich die Textzeile „Xund bleiben!“ – mit einem übergroßen X - in ihre E-Mails einbauen lassen. Gute Wünsche können nie schaden. Höchstens nutzen.

Den Palmbusch nehme ich stellvertretend für alle, denen sie nicht nahe sein kann. Das regt ihren Widerspruch: sie ist den anderen digital näher als mir, der ich vier Kilometer weit weg wohne. Vielleicht sollte ich den Kontakt auch auf digital umstellen.

Sie hat in ihrem Leben viel erlebt. Als sie zu ihrem 90er vom Bürgermeister besucht wurde hat sie in Gedichtform ihm vorgetragen, was sie alles nicht durcheinandergebracht hat. Und das ist immerhin der Austrofaschismus, der Nationalsozialismus, der Weltkrieg, die Nachkriegszeit. Alles hat sie nicht durcheinander gebracht.

Sie beendete ihr Gedicht mit den Zeilen: Aber eines bringt mich durcheinander: / Meine zwei Buam sind alte Mander.

Mein Bruder und ich waren damals im Gemeinderat – in unterschiedlichen Fraktionen. Diese beiden Zeilen hat der Bürgermeister oft – sehr, sehr oft – zitiert.

© Wolfgang Ferdinand Vogel 05.04.2020

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