Ein Tag mit 28 Stunden

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Ein Tag mit 28 Stunden | story.one

Die Fenster sind lichtdicht verklebt, den Raum betritt man durch eine Lichtschleuse. Nicht ein einziger Lichtstrahl sollte von außen her in der Raum dringen. Die Uhren drinnen gehen etwas schneller. Die Stunde ist keine 60 Minuten lang. Die Stunde ist etwas kürzer, sodass man in einem Tag 28 Stunden unterbringen könnte. 28 Stunden mit wesentlich mehr an Gewinnchancen als es 24 Stunden brächten.

Natürlich auch wesentlich mehr Chancen Geld zu verlieren. Viel Geld.

Und das ist die Welt von Goran. Seine mehrfachen Versuche am Arbeitsmarkt unterzukommen verliefen ergebnislos. Der ungelernte Hilfsarbeiter schaffte es nicht länger als ein paar Wochen zu arbeiten. Meist waren es nur Tage. So kam er in das Reich der Einarmigen Banditen, das Reich das eine eigene Zeitrechnung hat, eine eigene Welt ist, aufgebaut ist auf Hoffnung. Der Hoffnung auf den großen Gewinn, auf das große Geld, das aus dem Automaten herausrasselt. Und wenn es dann wieder so weit ist, ertönt ein Gong. Er zeigt den Supergewinn an. Auch dann, wenn keiner der Automaten diesen Supergewinn ausgespuckt hat. Der Gong und das Rasseln der Automaten ist die Begleitmusik auf dem Weg zum ganz großen Glück. Auch der Gong kommt von einem Band, auch er ist Teil einer Scheinwelt.

Die Welt ist reduziert. Der Hebel des Einarmigen Banditen, die drei Slots als einzige Fenster in eine Welt draußen – in eine virtuelle Welt. Eine Welt die auch akustisch nur als Kulisse hereinkommt. Das Ticken der Slots, der Gong bei drei gleichen, dann das Klimpern von Geld, das in die Ausgabetasse rasselt. Echt oder falsch? Was soll‘s!

Das große Glück beim einarmigen Banditen kündigt sich bei Jackpot an. Einer der Spieler ist ganz nahe am ganz großen Glück. Spezielle Gongschläge verraten es und erhöhen die Spannung. Noch ein Einsatz, wieder nichts aber der Jackpot steigt an. Das Geld ist aber aus.

In dieser Situation kommt der Spielcasinobetreiber als rettender Engel. Man habe jetzt den Automaten zu einer ansehnlichen Betrag aufgefuttert. Wäre doch schade wenn man jetzt aufgibt weil das Geld alle ist. Es kommt der nächste und hat mit einem vergleichsweise kleinen Einsatz das große Geld. Aber: für so gute Stammkunden könne man schon einmal eine Ausnahme machen. Er werde jetzt das Gerät sperren. Für eine Stunde – mehr geht leider nicht. Inzwischen könne sich der Stammspieler mit frischem Geld eindecken und er und nur er könne dann weiterspielen dem großen Glück entgegen.

Also hinaus in die reale Welt. Der Bankomat gibt nix mehr her, das weiß man schon, aber es gibt noch Freunde die Kredit gewähren. Mit dem Superjackpot als Sicherheit. Auch die Taxifahrt muss so finanziert werden.

Feierlich, ganz feierlich kommt das Geld in den gefräßigen Automaten. Es ist nichts, aber der Jackpot erhöht sich. Noch einmal und noch einmal. Noch einmal mit höherem Einsatz. Nichts, wieder nichts!

Dann die Meldung, der Jackpot verfehlt!

Schade, aber ein bisserl Geld ist ja noch übrig. Einmal wird es klappen.

Ganz sicher!

© Wolfgang Ferdinand Vogel