Kein Nest für das Kuckuckskind

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Kein Nest für das Kuckuckskind | story.one

Seine Beziehung wurde zum Scherbenhaufen: die Lebensgefährtin drogenabhängig, eine gemeinsame Tochter und ein Bub, der ganz sicher nicht von ihm ist. Das Ende der hoffungsvollen Beziehung schien ihm wie eine Erlösung. Doch schon sehr bald wurde das Gewissen wach: bei allem Groll gegen Renate musste man doch die Kinder aus dem Chaos heraushalten.

Guter Rat ist in solchen Fällen teuer, gut gemeinter Rat kann teuer zu stehen kommen. Ein Bekannter riet zu einer vertraglichen Regelung. Wenn Erich, so die Überlegung, die Vaterschaft des kleinen Wilhelm anerkennt, kann ihm im Falle eines Falles niemand die Kinder wegnehmen. Beide bleiben beisammen. Und der Fall des Falles, so dachte man damals, ist es, wenn Renate ganz ins Drogenmilieu abrutscht, wenn sie sich den goldenen Schuss setzt, oder wenn sie ganz einfach aus dem Leben der kleinen Familie verschwindet. In diesem Fall könnte Erich für beide Kinder, also die kleine Pia und den kleinen Wilhelm die Verantwortung übernehmen.

Und so setzte man noch unter den Vertrag die Klausel, dass Renate im Gegenzug zur Anerkenntnis der Vaterschaft, Erich schad- und klaglos halten werde. Ein Vermerk unter dem Vertrag erweckte dann später den Eindruck, es handle sich um einen Notariatsakt. Tatsächlich hat der Notar nur die Echtheit der Unterschriften beglaubigt. Den Inhalt geprüft hat er nicht.

Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes war schon mehrmals bei Renate aufgetaucht. Aber jedes Mal wenn das Jugendamt Nachschau hielt, war alles in Ordnung. Immer wenn man mit dem Auftrag anrückte durch die Kindeswegnahme dem Kindeswohl zum Durchbruch zu verhelfen; immer dann war „alles in Ordnung“. Die beiden Kinder, Tochter Pia und Sohn Wilhelm waren weder vernachlässigt, noch gab es irgendwelche handfesten Beweise dafür, was die Nachbarn den Behörden angezeigt hatten – tagelange Verwahrlosung der beiden Kinder.

Unübersehbar war freilich die triste finanzielle Situation. Auf Befragen gab sie dann an, dass der Kindesvater „noch nie“ etwas gezahlt hatte. Sie wurde belehrt, dass für beide Kinder Vaterschaftserklärungen vorliegen, dass daher der Vater unterhaltspflichtig ist und – zahlen muss. Der „Notariatsakt“ war nicht einmal das Papier wert, auf dem er abgefasst war. Den Unterhaltsanspruch hat ja nicht die Mutter, sondern das Kind – oder im konkreten Fall die beiden Kinder. Die Mutter kann daher gar nicht auf den Unterhalt verzichten.

Für Erich waren die Folgen dramatisch: er hatte schon länger keinen Kontakt mehr zu den Kindern. Anfangs wurden ihm Besuche gestattet – wenn er mit Geld kam. Im festen Glauben daran, dass er vertraglich dazu nicht verpflichtet ist, ließ er sich die Zahlungen nicht bestätigen. Da er sich angesichts des Vertrages weigerte zu zahlen, exekutierte das Jugendamt: von seinem Nettobezug von rund 4.000 Euro blieben ihm rund 1.300 Euro. Ungefähr genau so viel beträgt der laufende Unterhalt für die beiden Kinder.

Zum zweiten mal wurde sein Leben ein Scherbenhaufen.

© Wolfgang Ferdinand Vogel 07.03.2020