Satz - und kein Sieg

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Satz - und kein Sieg | story.one

Theodors Augen fixierten das Buch am Schreibtisch. Schließlich konnte er nicht widerstehen: „Darf ich – ja Garamond 11 Punkt, gesetzt auf einen Cicero-Kegel.“ Fast verliebt drehte er das Buch in seinen Händen: „Ich habe den schönsten Beruf der Welt erlernt: Schriftsetzer.“ Die kleine Druckerei bei der er Lehrling war, schätzte die Tradition. Daher sprach man auch immer vom Schriftsetzer.

Ja – im Buchdruck wurden besonders wertvolle Bücher hergestellt. Und besonders hochwertige Billets, Visitenkarten und ähnliche Aufträge. Und weil der Setzer nicht nur den Text setzte, sondern auch den Druck ausführte, weil er also Setzer und Drucker war, nannte man ihn „Schweizerdegen“. Eine besonders prestigeträchtige Berufsbezeichnung. Und es war der Höhepunkt der beruflichen Tätigkeit Theodors. Er konnte entwerfen, den Entwurf umsetzten, die Druckmaschine entsprechend einstellen und das Werkzeug anfertigen lassen um mit besonderen Stanzformen für ein außerordentliches Ergebnis zu sorgen. In einer dicken Mappe sammelte er die besonders schönen Arbeiten. Sie waren seine „Visitenkarte“ sie sollten ein Leben lang zeigen, welche außergewöhnlichen Ergebnisse man erzielen kann wenn, ja wenn.

Sein Lehrherr, der schon lange sein Chef geworden ist, ja mehr noch sein Freund, dachte ebenso. Als dieser Chef und Freund in Pension ging überlegte er nicht lange und übernahm den Betrieb. Sicher man habe treue Kunden, sogar sehr viele. Es sind aber vorwiegend ältere, die einfach noch einen Bezug zu kunstvollen Druckerzeugnissen hatten. Eine kurze Analyse zeigte, dass auch diese Schicht immer mehr wegbrach. Als Theodor im Internet seiner verlorenen Kundschaft auf der Spur sein wollte, stieß er auf Angebote, die sogar ihn elektrisierten. Da konnte man selbst die Sujets aussuchen, aus eine Vielzahl von Schriften wählen und sich selbst die Druckvorlage zusammenstellen. Und das Ganze zu einem Preis…

Auch der Standort machte zunehmend Probleme. Kundenbesuche nahmen mittlerweile schon fast den ganzen Tag in Anspruch. Die Aufträge mussten des nachts ausgeführt werden. Arbeiten die viel Lärm machen. Immer häufiger gab es Beschwerden aus der Nachbarschaft. Es gab immer teurere Auflagen vor. Nicht nur Lärmschutz, auch was den Einsatz der Farben betraf. Also sehr aggressiver Chemikalien.

Schließlich ging es nicht mehr. Der Schuldenberg war zu hoch. Aufgabe des Betriebes, Privatkonkurs. Und der Gang zum Arbeitsamt. Und dort gab es auch einen Job der Theodor immer mehr gefiel: bei einer Firma, die besenrein entrümpelt. Es faszinierte ihn einzudringen in vergangene Welten. Er stellte sich den Alltag der verblichenen Bewohner vor und manchmal fand er Druckwerke – ja sogar Bücher. Eines blieb ihm in Erinnerung. Garamond 11 Punkt auf einen Cicero Kegel, die Seitennotizen in Nonpareille – so klein und doch immer noch lesbar. Auch die Druckerei war ihm ein Begriff. „Die machen sehr gute Arbeit – machten gute Arbeit…“

© Wolfgang Ferdinand Vogel 07.03.2020