Solo für einen Buben

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Solo für einen Buben | story.one

Es war am frühen Nachmittag – die Bürotüre wurde vorsichtig geöffnet. Ein Bub – rund zehn Jahre alt trat herein. Während ich noch überlegte was er wollte und wie ich ihm sagen sollte, dass er sicherlich falsch ist, hatte er schon am Besuchersessel des Schreibtisches Platz genommen. Schuldnerberatung dazu war er deutlich noch zu jung. Aber auch im übrigen Haus, in dem Langzeitarbeitslose betreut werden, gab es eigentlich kein Angebot für ihn.

Das kümmerte ihn nicht: „Da bin ich richtig!“ konstatierte er, nahm seinen Schulrucksack auf die Knie und zog ein großes, dickes Kuvert heraus: „Die Mama arbeitet grad den zweiten Tag. Da kann sie net weg. Aber vielleicht geht’s auch so – hat sie gmeint.“ Ich ziehe die Papiere aus dem Kuvert. Aufmerksam beobachtet mich der junge Mann: „Wann was fehlt sag mas. Ich kann geschwind heim gehen und das holen.“

Ich bin beeindruckt! Alle noch fehlenden Unterlagen sind da. Nichts fehlt! Ich ordne die Unterlagen auf dem Schreibtisch mache Stöße; immer aufmerksam beobachtet von dem jungen Mann. „Fehlt eh nix?“ fragt er „wir haben das noch gestern durchgeschaut und da hat alles gepasst.“

Was soll ich sagen? Ungewöhnlich, aber es ist perfekt. „Du bist gut ausgerüstet…“ meinte ich mit einem Blick auf seinen Schulrucksack. „Ja, bei so einem Wetter braucht man einfach einen Tee…“ deutet er auf die Thermoskanne. Und auf die Jausenbox zeigend meint er: „die Mama macht Aufstriche die sind viel besser als alles was Du zum Kaufen kriegst…“

Mein junger Besucher gehört also nicht zu den Schülern die es cooler empfinden, in der Schule die Jause zu kaufen – und dann zu schimpfen, dass es nix gescheites gibt. „Deine Mama und Du – ihr seid ein starkes Team?“ „Klar doch!“ meint er, „vorige Woche war ich beim Papa auf Besuch und er hat ma die Autorennbahn zeigt. Nur für mich wenn ich auf Besuch komm.“ Schildert er mir die familiäre Situation: „aber ich hab ihm gesagt er soll das Geld der Mama geben, dann kann ich bei der Schulfahrt mitfahren.“

Was soll man da noch sagen? Zum Glück habe ich ein paar Bonbons, die ein Klient da gelassen hat. Ich biete sie ihm an. Höflich fragt er, ob er auch welche nach Hause mitnehmen darf. Zur Mama nehme ich an. Er verstaut alles in seinem Rucksack, reicht mir die Hand. Bei der Tür dreht er sich um: „Du bringts das eh hin, dass uns wieder besser geht…“

© Wolfgang Ferdinand Vogel 26.01.2020