Unter Brüdern

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Unter Brüdern | story.one

Man bezeichnet so jemanden als „Schwarzes Schaf“. Eine angesehene bürgerliche Familie und einen, den es schon sehr bald hinauszog. In die Ferne. Und dort fand er was er lange gesucht hatte. Ein kleines Hotel an einem See in einem Nationalpark in Afrika. Heruntergekommen zwar, dafür aber billig. Mit dem bisschen Geld mit dem er von zu Hause gestartet ist, konnte er sich den Traum erfüllen. Siegfried war rundum glücklich.

Sehr bald schon konnte er erweitern. Aus dem Geheimtip war ein fixer Bestandteil des Safaritourismus geworden. Auch die heimischen Würdenträger hatten längst das Hotel entdeckt. Geschmeichelt angesichts des Luxus, man genoss es auf vertrauter Basis mit dem erfolgreichen Unternehmer zu sein. Der Konsulatsbeamte, ebenfalls ein Stammgast erledigte die Formalitäten der Passverlängerung in der amikalen Atmosphäre eines Wellness-Wochenendes. Als er einmal für so ein Wochenende eincheckte meinte er zur Rezeptionistin: „Sag dem Chef ich warte auf der Terrasse auf ihn!“

„Wenn Du nach Österreich kommst wirst Du gleich am Flughafen verhaftet.“ erzählte der Konsulatsbeamte. Es gab da eine Anfrage des Jugendamtes. Blöde Geschichte. Da sind Alimente offen.

Es kam noch härter. Eine Passverlängerung kam nicht mehr in Frage: das österreichische Innenministerium hatte das Konsulat angewiesen, nur noch einen Pass für die Einreise in Österreich auszustellen. Die afrikanischen Behörden nahmen Siegfried sofort in Haft. Das genaue Gegenteil einer Abschiebehaft; man wollte verhindern, dass er das Land verlässt ohne seine Schulden beglichen zu haben. Das Konsulat setzte alle Hebeln in Bewegung und fand schließlich in Siegfrieds Bruder Martin einen Ansprechpartner: Martin betrieb einen Handel mit Gastronomiegeräten und man werde sich da schon einig. Siegfried wird das Geld im Unternehmen seines Bruders abarbeiten.

Zwar wurde Siegfried nicht gleich nach seiner Landung in Wien verhaftet, die Aussicht auf eine Arbeitsstelle verhinderte die sofortige Haft. Siegfried musste sein Markenzeichen wechseln: nicht mehr der legere Khakidress sondern ein Businessanzug. Auch ein entsprechendes Auto wurde angeschafft. Auf Leasingbasis. Das neue Leben konnte losgehen. Er sollte als Handelsvertreter für seinen Bruder arbeiten.

Er war kein Fachmann für Gastronomiegeräte. Schnell hatten die Geschäftspartner bemerkt, dass er unsicher war. Dass er den Abschluss dringend brauchte. Die Reisekosten überstiegen schon bei weitem die Umsätze. Als Martin sich dann auch noch von seinem langjährigen Vertreter trennen musste um dem Bruder nicht hängen zu lassen, war man schon sehr dicht vor dem Abgrund. Den finalen Schritt setzte das Finanzamt. Eine unangemeldete Prüfung kam zu dem Ergebnis: „Sie müssen Konkurs beantragen!“.

Siegfried und Martin wurden von angesehenen Unternehmern zu Beziehern der Mindestsicherung. Ein SMS war ihr letztes Zeichen: "Es fehlt uns einfach die Kraft..."

© Wolfgang Ferdinand Vogel 07.03.2020