Die kleine Geisterkatze

  • 84
Die kleine Geisterkatze | story.one

Wolfgang Mayer König

Und dann die Katze! Sie hat mit ihrer Erkrankung sowohl Symbolkraft im Verweis auf den kranken Burgherrn, ähnlich dem Gralskönig, als auch realen Bezug. Musil notiert, dass im Eingang der Villa Theodora (von ihm liebevoll spöttisch „Isidora“ genannt) sich eine kranke Katze niedergelassen habe, die er zu sich nahm, die später aber von einem Fremden wegen ihrer Krankheit erschlagen wurde. In lang anhaltenden Phasen der Duldsamkeit wird der Ausweg erworben, eigenes seelisches Beziehungsleid und körperliches Gebrechen oder Kranksein auf die nur scheinbar nächst niedere Kreaturenstufe hinunter zu delegieren. Die muntere, sich sonst des Lebens erfreuende, instinktiv das Klettern gewohnte, und immer auf allen vier Beinen aus dem jeweiligen Sprung erstaunlich landende Katze, macht an Stelle ihrer Herrschaft die auf seltsame Weise erworbenen und vertieften Krankheitsphasen durch, und ermöglicht damit den offenen Schluss eines mit Hinblick auf eine für Musils Biografie nicht unsignifikante Beziehungskrankheit eher unwahrscheinlichen Happy Ends. Übrigens hält sich allen Ernstes auch heute noch, allem Abschwören von jeglichem Aberglauben zum Trotz,eine wild lebende Katze, weniger Maskottchen als Hausgeist, auf dem Gelände der Burg Runkelstein auf. Eine gütige, milde Geste der Geschichte, natürlich mit besonderer Berücksichtigung der Kunst- und Literaturgeschichte! Wer aber glaubt, Musil erschöpfe sich in der Ferne reiner Symbolik, wird in seinen Kriegstagebüchern eines Besseren belehrt. Auch dort findet sich zwar Symbolik, aber in einer weitaus direkteren Form. Ich denke hier nur an Palai, den hintersten Ort des Fersentales, Topos für seine Novelle „Grigia“, aber auch Topos für Musils „Guernica“. Musil schreibt von „Palai der blumige Tod, Hunde in Palai, Schweineschlachten in Palai“. Aber auch der Burgherr in der „Portugiesin“ verwendet im Zusammenhang mit der Frage nach dem angeblich durch Krankheit klein gewordenen Schädel den bitter gemeinten Scherz, „dass wohl in vielen Jahren, wo er nur mit Kriegsknechten gelebt habe und nicht mit gebildeten Kavalieren,sein Schädel kleiner geworden sein möge. Er fühlte, wie plump ihm der Scherz vom Munde kam ...“

© Wolfgang Mayer König 19.04.2020