Kann ein Kopf kleiner werden?

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Kann ein Kopf kleiner werden? | story.one

Wolfgang Mayer König

Durch die allgegenwärtigen Bezüge in Musils Korrespondenz, auf seine Erlebnisse als Adjutant im Stellungskrieg des Kampfabschnittes Arabba, den kurzen Aufenthalt in Corvara, dann im Garnisonsspital Bruneck und ein Jahr später seine Rückberufung nach Tirol, um als Redakteur der „Tiroler Soldaten Zeitung“ mit dem Redaktionssitz im Bozner Hotel Laurin zu wirken, weiten sich viele Zugänge zu der für ihn so symbolträchtigen Burg Runkelstein. Ein Jahr zuvor noch hatte ihn eine hartnäckige Erkrankung der Atemwege durch Garnisonsspitäler, Kliniken und Reservehospitäler in Bruneck, Innsbruck und Prag geführt, und Musil schien im Zuge seiner Genesung auch einen äußeren körperlichen Wandel durchgemacht zu haben, den seine Frau Martha am 3. Mai 1916 auf dem Bahnhof in Bozen mit den Worten konstatierte: „Gott, dein Kopf ist ja kleiner geworden“, was Musil veranlasste, diesen Satz in seiner bedeutungsvollen Novelle „Die Portugiesin“ zu verarbeiten. „Seine Frau sagte – Gott, dein Kopf ist ja kleiner geworden! – Sein erster Gedanke war, dass er sich vielleicht habe die Haare zu kurz scheren lassen, er wusste bloß im Augenblick nicht, wann; er fuhr heimlich mit der Hand hin, aber das Haar war länger, als es sein sollte, und ungepflegt, seit er krank war ...“ Schon im Entwurfstext zu seiner Novelle „Die Portugiesin“ mit dem weitaus signifikanteren Titel „Die kleine Geisterkatze in Bozen“ fällt die innere Monologfrage auf. „Kann ein Schädel kleiner werden?“ Um vieles mehr drängt sich mir jedoch die Symbolkraft der Katze selbst auf, welche die Burg der „Portugiesin“ mitbewohnt. Allein schon auf Grund der Auseinandersetzung Musils in dieser Novelle mit der Trienter Bischofsmacht und ihrer Bedeutung für die Burg, seinen ausgedehnten Spaziergängen von seiner Wohnung in der Villa Theodora in der damaligen Hüttenstraße Nr. 314 in unmittelbarer Nähe zum „Gscheibten Turm“ in Gries, heute „Villa Andrea“, oder im Jahr davor von der Wohnung in der Sparkassenstraße 6/1 aus, den Ausflügen von Gries auf die östlichen Hänge des ausgehenden Sarntales, den in seiner Burgenbeschreibung unverwechselbaren Felsen über der Talfer, handelt es sich bei der Burg der „Portugiesin“ eindeutig um Runkelstein. Jene Burg, die Musil in seinem Tagebuch auch an zwei Stellen erwähnt. Er hebt dort die schönen Bilder in der Badestube ausdrücklich hervor und das Rauschen der Talfer, über deren Ufern die Burg liegt. In der Novelle heißt es: „ ... lag auf einer fast freistehenden lotrechten Wand ihre Burg; 500 Fuß unter ihr tollte ein wilder kleiner Fluss so laut, dass man eine Kirchenglocke im selben Raum nicht gehört hätte, sobald man den Kopf aus dem Fenster bog.“ Oder an anderer Stelle: „Unten ankommen konnte nur ein Toter, und die Wand hinauf der Teufel.“

© Wolfgang Mayer König 19.04.2020