Musil, Lejeune, Canetti

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Musil, Lejeune, Canetti | story.one

Wolfgang Mayer König

Die mit psychoanalytischer Verweisfunktion ausgestattete Nachwirkung des Niedergangs des österreichischen Vielvölkerstaates vermag kein anderer so zu beschreiben und zu repräsentieren wie Robert Musil. Ich erinnere mich an die Begegnungen und intensiven Gespräche, die ich mit Canetti, Wotruba, Kreisky, wie Lejeune, und allen zusammen über Robert Musil hatte. Unvergessen gebliebene Gespräche. Jetzt telefoniere ich deshalb mit Karl Corino, dem ehemaligen Literaturchef des Hessischen Rundfunks, mit dem ich seinerzeit das Geburtshaus Robert Musils in der Bahnhofstraße in Klagenfurt vor dem Spekulationsverkauf und Gebäudeabbruch retten,und gemeinsam mit ihm den Verein Robert Musil Archiv Klagenfurt leiten durfte. Jetzt kündige ich ihm diese Story an, und übersende ihm den Entwurf. Seine briefliche Antwort: „Lieber Wolfgang! Dein Text berührt, und das ist Bibliomagie, meine gegenwärtige Arbeit. Ich ediere für Rowohlt gerade Briefe von und an Musil aus dem Ersten Weltkrieg, und da ist Dein Text geradezu ein Kommentar zu Musils Aufenthalt in Trafoi, Gomagoi usw. Mit einem herzlichen Gruß Karl.“ Sogleich suche und finde ich wieder den gestochen handgeschriebenen Brief von Lejeune vom 4. Mai 1974 aus Männedorf: „Sehr geehrter Herr Mayer! In meinem ganzen, jetzt schon sehr langen Leben habe ich immer gelesen – aus einem unersättlichen Interesse am Menschen, am Schreibenden und am Beschriebenen. Ich habe viel gelernt dabei und viele ins Herz geschlossen, die es nicht wissen; entweder lebten sie nicht mehr oder ich lernte sie eben nicht kennen. Ein Freund, der mich mit Neuerscheinungen versorgte, brachte mir die Ausgabe von 1930 des ‚Mann ohne Eigenschaften‘ von Robert Musil, dessen Namen ich zum ersten Mal hörte. Ich las anfangs eher mit Mühe, oft beeindruckt, oft amüsiert, hie und da auch verärgert. Auf jeden Fall waren diese 1000 Seiten ein sehr starkes, aber ganz und gar nicht bewältigtes Erlebnis. Und nun war dieser Musil in Zürich, wohnte wenige Häuser von mir entfernt – war hie und da mit seiner stillen Frau Martha unser Gast. Wir wollten ihn doch in der sehr kühlen, sehr fremden Fremde ein wenig Wärme fühlen lassen. Das war gar nicht ganz leicht. Er war ein sehr ernster Mann von imponierender Würde, von der Haltung eines pensionierten hohen Offiziers – ganz unschweizerisch! Er wusste genau, wer er war, aber in der Schweiz gab es nur sehr wenige Menschen, die auch nur seinen Namen kannten. Wie froh war ich, den ‚Mann ohne Eigenschaften‘ gelesen zu haben und ihm damit wohl auch ein wenig Freude gemacht zu haben. Und wie intensiv habe ich dann das Weiterleben dieses ‚Ulrich‘ miterlebt, und wie stark und etwas zwiespältig bewegt mich die jetzige weltweite Geltung dieses Einsamen, den ich kannte. Lejeune“.

© Wolfgang Mayer König 19.04.2020