Überlebenstraining

Im Halbschlaf höre ich sanfte Wellen am Ufer auslaufen, im immer gleichen Rhythmus.

Nach drei Monaten auf Achse und fast täglich wechselnden Übernachtungsplätzen bin ich mir nicht sicher, ob ich es mir nicht nur einbilde - ein Wunschtraum eben.

Wie die Wellen schwappen auch meine Gedanken hin und her, von den eindrucksvollen Erlebnissen der letzten Wochen, die wir in den kirgisischen Hochtälern verbracht haben, zum heimischen Sommer, den ich verpasse und mit ihm den Sprung in die Isar oder in einen der vielen traumhaften oberbayerischen Seen. Unzufrieden im Überfluss? Nein, nur...

Seen und Flüsse hier auf 3000 bis 4000 Meter Höhe sind nur was für die Abgehärteten, wie die Yaks, die wir hier anzutreffen hoffen.

Archaische Tiere, vom Aussehen halb Rind halb Pferd mit großen Hörnern, zottigem Fell und einem richtigen Schweif - aber im Gegensatz zu den fast zu zutraulichen Rindern, sehr scheue Gesellen.

Wir hatten die Hoffnung sie zu Gesicht zu bekommen schon aufgegeben, als wir in einiger Entfernung eine Herde neben dem Weg entdecken. Trotz geraumer Entfernung stürmt die Herde einen Abhang hinunter und auf den Fluss zu. Milchig grün und reißend teilt er den Talgrund in zwei Hälften.

Wir folgen ihnen mit den Blicken, sehen wie die ersten Tiere ins reißende Wasser waten. Am äussersten Rand flussabwärts folgt in einigem Abstand ein winziges Yak der Herde. Es hat noch nicht die Flussmitte erreicht, da wird es von der Strömung erfasst. Ein Stück weiter unten gelingt ihm die Rückkehr ans Ufer. Inzwischen hat die übrige Herde den Fluss fast gequert. Laut rufend steht das Kleine da, bis die Mutter zurück durchs Wasser schwimmt, um ihren Zögling abzuholen. Dieser startet nun den zweiten Versuch den Fluss zu durchschwimmen. Unglücklicherweise nicht stromaufwärts im Schutz der Mutter. Wieder wird es abgetrieben, aber schafft die Umkehr zum Ausgangspunkt. Nach einem kurzen Blick zurück, lässt das Muttertier das Kleine dort stehen, durchquert den Fluss und folgt der Herde, die bereits ein Stück weiter gewandert ist. Voll menschlichen Mitleids blicken wir hinunter, wo sich vor unseren Augen ein Drama abzuspielen scheint. Der Winzling unternimmt einen dritten Versuch, sichtlich getrieben von der Angst den Anschluss zu verlieren. Die Strömung erfasst ihn wie die beiden anderen Male zuvor. Doch dieses Mal treibt er immer weiter flussabwärts auf Stromschnellen zu. Scheinbar reicht die Kraft nicht mehr zur Umkehr und schon gar nicht zur Querung. Wir können nur - bitte nicht- denken.

Da hat es das Yak geschafft irgendwie das andere Ufer zu erreichen - im letzten Moment. Sichtlich erleichtert springt es der Herde nach, wo es von seiner Mutter in Empfang genommen und liebevoll abgeleckt wird, nach erfolgreich absolviertem Überlebenstraining.

Dem guten Gefühl nachspürend starte ich in den Tag, zu meinem Überlebenstraining - einem Bad im tiefblauen Issyk Kul See, mit seinen erträglichen 16° Grad, an dessen Ufer wir tatsächlich stehen.

© Wortklauberin