39°Grad im Schatten

Unmerklich verlangsame ich meine Schritte, beschleunige sie dann wieder. Je nachdem, ob ich mich im Schattenbereich eines Baumes oder im gleißenden Sonnenlicht bewege.

9.00 Uhr morgens - 33°Grad im Schatten.

Endlich, nach vier Wochen Fahrt und einer Strecke von 6000 km, bin ich in Sarkand. Samarkand, diese alte Stadt an der Seidenstraße, die mich schon lange lockt, ihre Fühler nach mir ausgestreckt hat, und deren Schwingungen mich bereits auf vielen Ebenen erreicht haben.

Nicht erreicht hat mich dagegen das Bewusstsein vom extremen Kontinentalklima Usbekistans. Im Klartext - im Winter bis zu 40°Grad Kälte und im Sommer die gleiche Temperatur im Plusbereich oder sogar noch darüber. Sommer, das ist hier schon jetzt, Anfang Juni.

Am Ziel meiner Träume bin ich kurz davor, der Hitze wegen, die Waffen zu strecken, und mich in einen schattigen Innenhof oder ein Teehaus zu verkriechen, ungeachtet der Herrlichkeiten, die diese Stadt für mich bereithält.

Auf dem Registan, mit seinen Prunkbauten drängen sich die Tourgruppen in den Schattenbereichen zusammen.

Noch ein Kilometer bis zur Moschee von Bibi Khanym,der Lieblingsfrau des legendären Herrschers Amir Timur. Schweißgebadet erreiche ich den Gebäudekomplex mit seinen türkisen Kuppeln. Schon beim Durchschreiten des riesigen Portals nimmt die Temperatur merklich um ein paar Grad ab.Im Innenhof uralte riesige Maulbeerbäume, auf den Bänken einige Frauen, die Gebete murmeln. Dann eine lärmende Besuchergruppe, im Selfie Fieber - Zeit für mich zu gehen.

Vor dem Tor hat sich die Hitze wie eine Wand aufgebaut. Mein Körper schützt sich umgehend mit vielen Schweißperlen. Ein Teehaus bietet mir Zuflucht. Für lange Zeit sitze ich zwischen Polstern unter schattenspendenden Schilfdächern, der Wind fächelt leicht mit den transparenten Vorhängen.Ich warte bis die heißeste Zeit vorüber ist.Unzählige Tassen grünen Tees später, belauschte Gespräche im Ohr und inspirierende Gedanken im Kopf, wende ich mich meinem nächsten Ziel zu - Shah-i Zinda, einer Gruppe von Mausoleen. Allein beim Anblick der vielen Stufen wird mir erneut heiß. Steil führen sie den Hügel hinauf, vorbei an den monumentalen Grabstätten.

Architektonische Wunderwerke,außen dekoriert mit Kacheln in Blau, Türkis, Grün und Gelb, innen in Weiß, Saphirblau und Gold gestaltet. Künstler aus vielen Ländern haben sich hier verewigt, um das Andenken an die Bestatteten zu wahren und Allahs Ruhm zu mehren. Staunend lege ich eine Verschnaufpause ein, lasse mich auf einem der steinernen Absätze nieder.

Der beginnende Abend setzt diesen Ort perfekt in Szene. Im Licht der letzten Sonnenstrahlen beginnen die Mosaike zu leuchten. Sanfte Strahlungswärme von den Mauern trifft auf meinen Rücken, unerwartet angenehm trotz der sicher noch 30° Grad warmen Luft.

Durch und durch fühle ich, dass ich angekommen bin an meinem Traumziel - Samarkand, der Perle unter den Städten, wert noch jede Menge Schweißperlen zu vergießen.

© Wortklauberin