Beziehungsprobleme

Wir kennen uns nun seit mehr als 20 Jahren, mein Friseur und ich. Er ist ein Künstler, mit all den Eigenschaften, die den Kreativen leichthin zugeschrieben werden, und er ist Männern zugeneigt.

Lange Jahre bestimmte der Mondkalender meine Terminwahl, bis ich irgendwann erkannte, dass sein Biorhythmus und seine gefühlsmäßige Grundstimmung die eigentlichen Parameter für einen wirklich gelungenen Schnitt waren.

Nicht immer waren meine und seine Vorstellungen deckungsgleich. Die Frage nach der Zufriedenheit wurde zunehmend mit vorrückendem Alter zur Gretchenfrage. Auch auf sehr vorsichtig geäußerte Kritik reagierte er schnell gekränkt, ja mimosenhaft, so dass der Gedanke an einen Friseurwechsel in mir keimte, nach einem perfekten Schnitt aber sofort wieder verworfen wurde.

An einem sonnigen Tag im März fuhr ich alle Erfahrungen hinter mir lassend freudig meinem Termin entgegen. Das letzte Mal hatte er sich selbst übertroffen. Die Haare fielen nach 8 Wochen immer noch perfekt und mit Schwung, waren bloß einen Tick zu lang.

Ich betrat als erste Kundin den Laden, sein Mitarbeiter war noch nicht anwesend. Der Fokus seiner Aufmerksamkeit ruhte ganz auf mir.Ich war voll des Lobes über den Schnitt und erhoffte eine Wiederholung. Nach dem üblichen Smalltalk ging er schweigend ans Werk. Plötzlich platzte er mit der Neuigkeit heraus, dass sein Mitarbeiter die Arbeitsbeziehung beenden wolle.Wiederholt hatte es Anlass zur Klage gegeben. So meinte ich, dass dieses Problem hiermit wohl behoben sei. Diese meine Worte waren nun Wasser auf seine Mühlen, und öffneten die Schleusen für den aufgestauten Verdruss. Sturzbachartig rauschten Sätze voll mit Ärger und Enttäuschung über mich hinweg. Von unausgewaschenen Farbbechern, dreckigem Geschirr und mangelnder Dankbarkeit war die Rede, hin bis zu unerträglichem Dauerpfeifen während der Arbeit. Ich erahnte die verschmähte Liebe des Älteren zum Jungen.

Während der Tirade fuhr er aufgebracht mit der Schere durch meine Haare. Immer öfter wanderte mein Blick zu meinem Spiegelbild und seiner Veränderung, die nicht so ganz meinen Erwartungen entsprach, wusste aber auch nicht wie den in Rage gekommenen zu stoppen. Ich setzte ein besänftigendes Lächeln auf, das Mitgefühl signalisieren sollte.

Er hatte in seinen Augen die Frisur fast vollendet, als laut pfeifend(!) der Geschmähte den Laden betrat. Verschwörerisch flüsterte er mir ins Ohr, ob ich es gehört habe. So zu seiner Komplizin gemacht, fiel es mir gänzlich schwer, die meiner Meinung nach nötige Nachbesserung anzuregen.

Betont fröhlich verkündete er laut seine Zufriedenheit über den Schnitt, der wirklich toll gelungen sei. Ich murmelte halbherzig meine Zustimmung, während er mich mit Schwung vom Frisierumhang befreite, die abgeschnittenen Haarspitzen vom Pony aber in meinem Gesicht beließ.

Ich zahlte und verließ den Salon, nicht wissend über wen ich mich mehr ärgern sollte, den Friseur oder mich.

© Wortklauberin