Der Schein trügt nicht

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Der Schein trügt nicht | story.one

How is the situation in Germany.

Seit einiger Zeit taucht diese Frage, wie denn die Lage in Deutschland bezüglich des Corona Virus sei, immer wieder in Gesprächen mit Indern auf. Meist antworte ich darauf, dass ich seit fast sechs Monaten in Indien reise und meine Informationen auch nur aus dem Internet beziehe.

Zu unbegreiflich ist für mich das, was sich zuhause gerade abspielt und zu verschieden sind die Nachrichten, die mich aus dem Freundeskreis erreichen.

Geburtstage werden wie gewohnt gefeiert, Urlaube gebucht, Vorsorge für eine Pandemie treffen die wenigsten,was gerade in Italien geschieht,scheint weit weg. Auf der anderen Seite erreichen uns Bilder von leer gekauften Regalen und Schlägereien bei Aldi ums Desinfektionsmittel, die uns ratlos machen.

Rajasthan ist oberflächlich noch im Dornröschenschlaf. Desinfektionsmittel und einfache Schutzmasken sind in der Apotheke ohne Problem zu haben. Die Jugend feiert ausgelassen Holi, das bunte Frühlingsfest. Anderen gibt die Ansage ihres Regierungschefs Modi, jeglichen Feierlichkeiten fernbleiben zu wollen, doch Anlass zum Nachdenken.

Indien rühmt sich nicht unbedingt der großen Pressefreiheit. Um so mehr Gewicht hat für uns diese Nachricht, da Corona landesintern nicht sehr thematisiert wird. Ab einem gewissen Zeitpunkt fangen unsere Gedanken an zu kreisen. Vor allem nachdem die Ausreise sich immer schwieriger gestaltet.

Was für ein Glück, dass es Story.one gibt.

Für einige Zeit klinke ich mich aus, um zu verfolgen, wie Rebella ihre heiligen Zeiten zelebriert, Mary die Leser in eine Theatervorstellung mitnimmt, die für einige Zeit vermutlich die letzte sein könnte,

Elke und Christian mit ihrem Wohnmobil einen Fahrmarathon nach dem anderen zurücklegen müssen, um gerade noch Grenzen zu passieren, bevor sie geschlossen werden

und dann

schmunzle ich über Flaco, der sein Alter ego beobachtet, das wieder einmal vom allzu schnellen Vergehen der Zeit überrascht, seiner Lesung in Linz entgegen eilt, Stolpersteinen inclusive und sein Ziel glücklich erreicht.

Einige Tage später geht es weiter Richtung Bombay. Eine gut 1000 km lange Fahrstrecke, die mir als Beifahrerin in ruhigeren Abschnitten Raum gibt, ein paar Ideen weiter zu entwickeln, die sich nicht mit der Situation zuhause beschäftigen.

Im Bundesstaat Maharashtra holt mich ein riesiges Plakat neben der Autobahn unsanft in die Realität zurück. Eine Warnung vor Corona.

Bombay zeigt dem Virus vielfach maskierte Gesichter, die uns über den Mundschutz hinweg misstrauisch beäugen oder von uns weggedreht werden.

Es ist unübersehbar, dass sich das Misstrauen in den Köpfen bereits eingenistet hat und bei uns als Resonanz ein ungutes Bauchgefühl entstanden ist.

Seit ein paar Italiener hier positiv getestet wurden, sind Ausländer per se stigmatisiert als Überträger, es fühlt sich nicht nur so an.

Die Ereignisse überschlagen sich - weltweit.

Ein Wettlauf mit der Zeit hat auch für uns begonnen.

© Wortklauberin 26.03.2020