Die Angst vor dem Sprung

Neben mir liegt selig schlafend mein Mann, während mir unter geschlossenen Augenlidern die Tränen hervorquellen. Unbarmherzig schieben sich die vergangenen Stunden in mein Bewusstsein. An Schlaf ist nicht zu denken. Wir befinden uns im marokkanischen Nirgendwo, denn Pistenfahren ist unsere Leidenschaft .Wie sagt der schlafende Mann gerne - wir bleiben dort stecken, wo andere gar nicht erst hinkommen. Dazu haben wir uns einen alten Allrad-Lkw zugelegt. An Bord ist zusätzlich eine kleine Geländemaschine. Einen Teil unseres Lebens verbringen wir auf acht Quadratmetern, 24 Stunden immer zusammen, um in fremden Ländern abseits der Touristenstrecken Natur und Leute kennenzulernen. Nicht immer ist so ein Reiseleben frei von Problemen. Seit ein paar Tagen liegt so eine emotionale Schieflage vor. Der Wunsch meines Mannes eine kleine Erkundungsrunde zu drehen, weckt in mir deshalb die Vorfreude auf einen ruhigen Nachmittag. Ich mache es mir mit einem Buch bequem. Ganz entspannt sehe ich der Sonne beim Untergehen zu. Beim letzten Tageslicht lausche ich schon etwas nervös auf Motorengeräusche. Dann ist es dunkel.Spätestens jetzt formieren sich meine sorgenvollen Gedanken zu einer endlosen Kette. Unnütz zu erwähnen, dass wir hier kein Handynetz haben;eine Suche sinnlos wäre, weil der Lkw bei aller Geländegängigkeit nie die gleiche Strecke nehmen könnte wie ein Motorrad. Eine bange Ewigkeit später sehe ich einen über die Dünen hüpfenden Lichtkegel, der langsam näher kommt. Endlich ist er da, alles in Ordnung.Er hat einfach zu lange fotografiert, ist ein wenig zu weit gefahren, sonst nichts. Nach der ersten Erleichterung entweicht wie durch ein Überdruckventil die bis dahin aufgestaute Sorge.Ein Wort gibt das andere,manche wie Giftpfeile, finden ihr Ziel im Unterbewusstsein. Gebündelte Frustration einiger Stunden meinerseits und Uneinsichtigkeit meiner Sorge gegenüber, seinerseits. Am Ende eisiges Schweigen. Ein kleiner Riss wird zum Graben. Keine Entschuldigung kann ihn überbrücken, weil auf der anderen Seite niemand die Hand dazu ausstreckt. In gedrückter Stimmung gehe ich schlafen. Er entschlummert ungerührt. Meine Gedanken kreisen um das Gesagte und die damit verbundenen Konsequenzen. Irgendwann öffne ich die Augen. Ich schiebe den Vorhang beiseite und blicke in einen Sternenhimmel, so schön wie man ihn fast nur über der Wüste erleben kann.Ich merke, irgendwo da oben ist ein guter Stern, der mich bewacht. Morgen werde ich versuchen den Graben zu überspringen, auch wenn sich mir keine helfende Hand entgegen streckt.

© Wortklauberin