Federleicht

Vor Jahren erfüllte ich mir einen lang gehegten Wunsch - eine Ayurveda Kur. Nicht eine Wohlfühlkur, die sich nur mit diesem Begriff schmückt, sondern das Original. Ich flog nach Südindien, das mir von vielen Reisen vertraut war. In Kerala hatte ich mir ein nettes kleines Resort am Meer ausgesucht, in dem nur ausgebildete Therapeuten beschäftigt waren. Dort wollte ich mich einer dreiwöchigen ganzheitlichen Reinigungskur unterziehen, dem sogenannten Panchakarma. Unterziehen deshalb, weil im Ayurveda, für Europäer erschreckende Anwendungen in Betracht kommen können, wie das Einfädeln von reinigenden Schnüren durch die Nase bis in den Rachenraum, Abführtage und herbeigeführtes Erbrechen. Den Gedanken an diese Prozeduren verdrängte ich gekonnt. Richtige körperliche Beschwerden hatte ich nämlich nicht vorzuweisen, eher einen Knick in meiner Lebenslinie.

Ich bezog einen mit Gras gedeckten Bungalow unter Palmen. Eine Blütenkette um den Hals, eine frische Kokosnuss in der Hand saß ich nach der Ankunft da und fühlte mich eigentlich schon wie runderneuert.

Am nächsten Morgen ging es als erstes zur Arztvisite. Ein Fragebogen, dick wie ein Heft war auszufüllen, mit Fragen, die ein westlicher Mediziner nie stellen würde.Es folgten Pulsdiagnose, Augendiagnose und eine Betrachtung der Zunge.Um den westlichen Erwartungen nachzukommen, wurde auch noch der Blutdruck gemessen.All das gab dem Arzt Aufschluss darüber, ob mein Körper in irgendeinem Bereich aus dem Gleichgewicht geraten war oder auch nur ein klitzekleiner Ansatz für ein Ungleichgewicht zu spüren war. Vorbeugen ist besser als heilen müssen, war hier das Thema. Ich erhielt einen individuellen Behandlungs- und Ernährungsplan, auf dem glücklicherweise keine ganz schreckliche Anwendung zu entdecken war. Dann wurde ich in die Obhut von Rana und Shanti gegeben, meinen Therapeutinnen. Vertrauensvoll begab ich mich in ihre Hände. Sie setzten über die Haut Impulse in Gang mit Synchronmassagen, warmen Ölgüssen, Kräuterstempeln, Dampfbädern, sogar mit ihren Füßen. Immer schweigend und voll konzentriert, in Resonanz zu meinem Körper. Unter ihrer Anleitung überstand ich auch die mit Argwohn erwarteten Ausleitungsprozedur des Abführens. Die Tage folgten einem wohltuenden Rhythmus aus Yoga, Anwendungen, den nachfolgenden Ruhephasen und den Genüssen am vegetarischen Buffet. Endlich musste ich nichts entscheiden, nichts mehr bewegen,wurde umsorgt. Alles darauf ausgerichtet, die Energien wieder zum fließen zu bringen. Mit jedem Tag wurden meine Muskeln elastischer und meine Haut weicher.Ich befand mich in einem Wohlfühlkokon, leicht wie eine Feder, Körper, Geist und Seele in Einklang miteinander.

Fertig zur Abfahrt, die Stimme meines Mannes bringt mich zurück in die Gegenwart, ins Sandmeer der Sahara. Das Bild von Indien, das beim Schreiben entstanden ist, löst sich auf wie eine Fata Morgana. Doch ein Gefühl von Leichtigkeit ist geblieben.

© Wortklauberin