Frauen mit zwei linken Händen

Als Kind und Jugendliche war ich eher schüchtern, um nicht zu sagen fast schon kontaktscheu, aber auch ein Papakind, das sich irgendwie beweisen wollte. Nach dem Abitur kaufte ich mir von meinem Ersparten mein erstes Motorrad. Eine sonnengelbe Honda 250. Voller Stolz kurvte ich damit durch München. Mein Vater hatte mich in die Wartung eingewiesen und technisch war ich in vielem autark. Der einzige Schwachpunkt, den dieses Motorrad hatte, war, dass frau es mit Muskelkraft antreten musste. An der Ampel einer verkehrsreichen Straße passierte dann das Unausweichliche. Die Honda starb ab, und ich brachte sie nicht mehr in Gang. Schwitzend in voller Montur mühte ich mich am Straßenrand ab, als neben mir ein Radfahrer hielt. Komm Madl, lass mich mal, sagte und mit einem mühelosen Tritt die Honda zum Laufen brachte. Ich bedankte mich, schloss schnell das Visier, um mein vom Treten und der Beschämung puterrotes Gesicht zu verbergen. Die Gelbe wurde kurz darauf zum Verkauf inseriert und gegen eine Metallicblaue mit mehr PS und einem Elektrostarter ausgetauscht. Selbst ist die Frau, war das Motto meines Lebens. Meine damalige Busenfreundin war da von ganz anderer Machart. Auch sie war eine Patente. Dennoch verstand sie es mit einem Augenaufschlag den Beschützerinstinkt im Mann zu aktiviere.Ihr wurde jeder Wunsch bis hin zum Kochen und Putzen von den Augen abgelesen. Mein damaliger Freund, ein Astrophysiker, hatte den Blick mehr gen Himmel gerichtet. Ich und meine Fähigkeiten waren seine Erdung. Die Wunschdeutung mittels Augenkontakt war ihm fremd. Nach ihm lernte ich den Einen kennen. Motorradfahrer und Multitalent und er könne kochen, erzählte er mir. Allerdings nur ein Gericht, wie ich nach kurzem feststellte. Da hatte ich mich aber schon unsterblich in ihn verliebt. Wir blieben trotzdem zusammen, eine Beziehung auf Augenhöhe. Er machte sich meine Fähigkeiten und auch meine Belastbarkeit zunutze. Er bat mich, ihm bei allen möglichen und bei genauerer Betrachtung fast unmöglichen Tätigkeiten zu helfen. Andere Frauen hätten da nur abwehrend die manikürten Hände gehoben und wären schon im Vorfeld so mancher Aktion jammernd zusammengebrochen. Ich blieb meinem Motto treu, auch wenn es Risse bekam. Dann kam die Zeit, in der wir unsere Tätigkeit an den Nagel hängten. Ich voller Erwartung ganz viel Zeit für meine diversen Interessen zu haben. Doch diese Hoffnung war eine trügerische. Arbeitsteilung hielt nur ich für angesagt. Auf den entlastenden Trick mit den zwei linken Händen konnte ich nach so langer Zeit nicht mehr zurückgreifen. Als kleinen Wink mit dem Zaunpfahl verfasste ich für’s Erste ein Kochbuch für Männer. Interessiert und scheinbar erfreut blätterte mein Mann es durch. Er kredenzte mir als ersten Versuch Spaghetti mit Pesto. Ich lobte ihn, vielleicht zu überschwenglich. Er sagte auf jeden Fall zu mir - weißt Du, ich glaube beim Kochen habe ich eher zwei linke Hände, das kannst du doch viel besser.

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