Im Fokus der Begierde

Ausgerechnet Indien hatten wir als erstes Ziel für eine Rucksackreise anvisiert. Niedrige Kosten und viel Abenteuer waren unter anderem der Grund. Indien, mehr ein Kontinent als ein Land, fordernd in jeder Minute der Anwesenheit. Wir sahen uns mit Schmutz, Lärm und den vielen Hoffnungsvollen konfrontiert, die in uns reiche Touristen sahen, auch wenn wir aus einem Hostel kamen. Wir waren quasi reich aufgrund unserer Anwesenheit. Ganz war dieser Gedanke ja nicht von der Hand zu weisen. Um eine Umverteilung des monetären Ungleichgewichtes herbeizuführen, wurde an uns ein riesiges Repertoire an Tricks ausprobiert. Sie reichten von einfachen Betrügereien, beim Zusammenrechnen der Summe in Läden und Lokalen, bis hin zur Erpressung die Fahrt irgendwo enden zu lassen, wenn der Fahrpreis nicht erhöht würde. Je nach Tagesverfassung quittierten wir diese Versuche genervt oder mit Humor bzw. in ganz schlechtem Zustand fielen wir auf das eine oder andere herein.

Wir hatten diesbezüglich also schon eine Art Lehre absolviert, als wir nach Ägypten reisten. Eine sehr kurzfristige Entscheidung für ein Hotelangebot in Luxor. Für Fragen stand im Hotel ein Reiseleiter zur Verfügung. Wir als Individualreisende belächelten die bei der Ankunft erteilten Ratschläge und stürzten uns in pralle Leben, einen Restaurantbesuch inklusive. Davor waren wir ausdrücklich gewarnt worden, wenn auch aus anderen Gründen. Wir fragten routiniert nach der Speisekarte, nicht wie die Gruppe am Nebentisch, die einfach bestellte. Was das unterm Strich bedeuten würde, konnten wir an fünf Fingern abzählen. Das Essen war köstlich, das Bier schön kühl, alles rief nach einer Wiederholung am nächsten Tag.

Wir bestellten dieses Mal ohne die Karte zu Rate zu ziehen. Hatten wir gestern ja gemacht. Erneut waren wir zufrieden, bis die Rechnung kam. Das Bier hatte über Nacht eine Preiserhöhung von 50 Prozent erfahren. Das konnten wir natürlich nicht akzeptieren. Ein zähes Hin und Her zwischen uns und dem Ober und zwischen uns und dem Chef des Obers begann. Wir drängten darauf die Speisekarte zu holen. Dies zog sich hin. Als der Ober endlich wieder am Tisch stand, hielt er ein neu beschriebenes Blatt Papier in der Hand, auf dem der Preis für ein Bier dem geforderten Preis angepasst worden war. Nach der ersten Empörung zahlten wir den geforderten Betrag. Keine Frage, dass diese Aktion auf der Liste der angewandten Tricks einen Platz weit oben bekam.

Ein weniger gutes Ranking bekam dagegen die Angestellte einer schweizer Bergbahn. Wir hatten auf dem gebührenpflichtigen Parkplatz genächtigt. Am Morgen machte sie uns darauf aufmerksam, dass laut Hinweisschild Campieren hier nicht erlaubt sei. Ein hohes Verwarnungsgeld wäre nun fällig. Wir entschuldigten uns vielfach und beteuerten, dass wir das Schild übersehen hätten. Sie machte ausnahmsweise eine Ausnahme, gegen Zahlung von 20€ in die Kaffeekasse. Wir zahlten, sie verschwand. Vom Schild keine Spur.

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