Männerwelten

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Männerwelten | story.one

Von Hochufer blicke ich hinunter auf den Indus, der dem Land Indien auch seinen Namen gab, aber seit 1947 nun überwiegend durch Pakistan fließt.

1000 km hat er bis hierher schon zurückgelegt und über 2000 km liegen noch vor ihm, bis er in einem gewaltigen Delta ins Arabische Meer mündet.

Weit unten dort am Ufer, drei bunte Farbtupfer auf grau braunem Sedimentgestein - Frauen beim Wäschewaschen.

Was wie Normalität wirkt, ist ein eher seltener Anblick hier.

Wir sind in der kleinen Stadt Skardu, im pakistanischen Teil von Kaschmir, einer lebhaften Kleinstadt, Handelsknotenpunkt und früher Zentrum für die Beschaffung von Trägern und Waren für die großen Expeditionen zum K2 oder einem der vielen über 6000 m hohen Berge.

Seit 9/11 und dem Attentat im Nanga Parbat Basecamp ist es ruhig geworden.

In den Läden in Skardu verstauben die Souvenirs. Die Inhaber der Ausrüstungsgeschäfte verbringen die meiste Zeit damit mit anderen Basaris auf den staubigen Stufen zu hocken oder kommunizieren stumm mit ihren Handys.

Das Warenangebot in den Läden ist überbordend, volle Regale bis unter die Decke. Kleine Supermärkte mit ganz eigener Ordnung und für mich voller Charme.

Während ich die Straße entlang schlendere, verfolgen mich die Blicke der Pakistanis. An meinem, an hieisge Sitten angepassten Äußeren kann es nicht liegen - lange weite Hosen und eine wadenlangen Tunika.

Das Auffallende bin ich -als Frau selbst -unverschleiert und allein, in einer Region, in der der Begriff Purdah das Leben bestimmt, d.h. die Ausgrenzung der Frau, ohne Schleier und männliche Begleitung, aus der Öffentlichkeit. Und - ich bin die einzige Frau weit und breit.

Als Frau hier im Norden von Pakistan zu reisen, abseits der ismaelitischen Siedlungen, ist oft ein Balanceakt zwischen Anpassung, europäischem Selbstverständnis und Selbstvertrauen.

Ich habe keine eigene Stimme, wenn wir zu zweit sind, bin Luft, wenn ich mich zu Wort melde - im Handyladen, bei der Bestellung im Lokal, auf dem Markt.

Hier ist der Mann ist der Beschützer , dem die Frau in der Öffentlichkeit wie ein Schaf folgt. Er ist verantwortlich für sie, sprich ihre Ehre.

Mein Mann wird seiner Aufgabe nicht ganz gerecht. Er ist mehr mit seinem Foto als meinem Schutz beschäftigt ist. So kommt es auch mal schnell zu kleinen Grenzüberschreitungen. Beim Erinnerungsfoto steht der ältere distinguierte Herr, der uns durch ein Fort führte, plötzlich etwas arg nah bei mir. War es meine ungezwungene Art mit ihm zu plaudern, die ihn dazu ermutigte? Ein Lächeln zu viel ? Ein kurzer Augenkontakt ? Gesten und ihre Bedeutung, die mir nicht geläufig sind.

Ich betrete einen Laden, die Schaufensterpuppe ist als Mann maskiert.

Hinten im Laden steht ein junges Paar, auf Hochzeitsreise aus Karachi, wie ich später erfahre. Nur ein lose drappierter Schal bedeckt ihr Haar.

Ein verbindendes Lächeln geht quer durch den Raum, und schon haben wir zwei " Exotinnen" uns eine Insel in der Männerwelt geschaffen.

© Wortklauberin 08.11.2019