Namen wie Schall und Rauch

Der Klang von Worten - eine Leidenschaft. Nicht umsonst ist mein Synonym Wortklauberin. Ein einzelnes Wort, was für eine Fülle an Bedeutungen kann es annehmen - Kontext, Aussprache, eigene Deutung. Ganz zu schweigen, wenn geschulte Stimmen Texte vortragen. Eine meiner Lieblingssendungen im bayerischen Hörfunk ist das offene Buch. Dort wurde vor ein paar Wochen ein Buch mit dem Titel Babel besprochen. Wer jetzt an den Turmbau gleichen Namens denkt, liegt nicht ganz falsch. Das Thema, die Wortwahl, die Stimme des Sprechers. Ich war hin und weg, mit anderen Worten, ich musste dieses Buch haben. In Plastik verschweißt, liegt es auf dem Tisch. Erst mal das angefangene Buch zu Ende lesen, diktiert eine Stimme in meinem Kopf.

Mit den Namen von Orten ergeht es mir ähnlich. Da werden allein beim Lesen schon Sehnsüchte erweckt. Bei Paris, Venedig und Rom wird das vielen einleuchten. Nur sind das nicht meine Sehnsuchtsziele. Bei mir entfachen plötzlich Orte den Wunsch sie zu besuchen, allein weil ich ihren Namen auf einer Landkarte entdecke.

Balbalan, ist so ein Name. Damals Anfang der 80er Jahre in keinem Reiseführer zu finden. Ein Ort, in dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten- schmutzig, vermüllt, unfreundliche Leute. Wir waren enttäuscht von der Realität, aber im eigentlichen Sinn von uns.

Ganz anders war es mit Sukhothai. Ebenfalls in den 80er Jahren besuchten wir dort die Ruinen der alten Stadt. Auf Sanskrit bedeutet “sukhodaya” großes Wohlbehagen bewirkend. Das habe ich immer noch, wenn ich an den Aufenthalt dort denke. Diese riesigen uralten Gebäude, umschlungen von Pflanzen. Wir hatten das Gelände fast für uns allein. Zeit und Ruhe, um unser Menschsein zu überdenken.

Im Jahr 2018 waren wir unterwegs entlang der westafrikanischen Küste. Der Grenzort Fongolimbi zwischen Guinea und Senegal klang mehr als verheißungsvoll. Über ihn hatten wir rudimentäre Informationen; einmal in einem Reiseführer über Senegal und von einem italienischen Auswanderer in Guinea. Der Reiseführer erwähnte nur, dass der Grenzübergang weniger frequentiert wäre. Der Italiener meinte, dass die Strecke grauenvoll gewesen sei - vor 10 Jahren! Es wären aber Transport Lkws dort unterwegs.

Fongolimbi wir kommen!

Wir fuhren durch eine atemberaubend schöne Landschaft, für die wir bald keinen Blick mehr übrig hatten. Die anfangs ganz passable Strecke verwandelte sich in ein trockenes Flussbett. Schmal, mit scharfkantigen Steinen an der Seite und Absätzen. Im Schritttempo suchten wir unseren Weg. Nach drei Tagen erreichten wir Segou.

Hinter uns lagen 20 Stunden reale Fahrzeit, 60 km Strecke und zwei geschrottete Lkw Reifen. Fongolimbi blieb ein Name wie Schall und Rauch, weil uns nach dieser Tortur der Entdeckergeist doch ein wenig abhanden gekommen war.

Im Augenblick lockt Samarkand. Ich bin schon gespannt, mit welchem Erleben ich diesen klangvollen Namen füllen werde. Das Buch Babel wird mit im Gepäck sein.

© Wortklauberin