PARANOIA

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PARANOIA | story.one

Kashgar, seit der Bronzezeit Handelsknotenpunkt an der Seidenstraße zwischen Ost und West, ein Schmelztiegel vieler Ethnien, mit schöner Altstadt und berühmt in ganz Zentralasien für seine legendären Märkte und den Basar.

Welchem Reisenden entlang der Seidenstraße würde da nicht das Herz vor Vorfreude schlagen.

Der Zollhof, an dem unsere Fahrzeuge über Nacht verbleiben müssen, liegt 50 km ausserhalb der Stadt. Ein Bus bringt uns in die Stadt. Auch hier oder gerade hier eine Kontrolle nach der anderen - wieviele Personen sitzen im Bus und welcher Pass gehört zu wem. Nach Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Stadt. Die breite Einfallstraße ist hell erleuchtet, an jeder Ampel blenden zudem Scheinwerfer auf, die eine bessere Aufnahme der Fahrzeuginsassen ermöglichen - Ampeln alle 100 Meter oder weniger. Keine Frage, dass auch unser Hotel über eine riesige Anzahl von Kameras verfügt, einen Scanner und Metalldetektoren.

Am nächsten Tag haben wir Glück und die erneute Kontrolle unserer Fahrzeuge zieht sich nur über fünf Stunden hin. Immerhin bleibt somit ein halber Tag Zeit für die Stadtbesichtigung, bevor wir die vorgebene Route fortsetzen müssen.

Einen Wermutstropfen gibt es gleich vorweg. Für uns Touristen ist nur ein begrenzter Teil der Altstadt zugänglich- ein neu gestalteter und durch Rollbarrieren abgesicherter wie ein Museum aufbereiteter Teil. Ein Disneyland in erster Linie für chinesische Touristen, die Einwohner nur mehr exotische Statisten.

Durch einen Metalldetektor betreten wir unter den Augen einer bewaffneten Wachmannschaft die Altstadt.

Was auf den ersten Blick wie Normalität wirkt, entbehrt bei genauem Hinsehen nicht eines gewissen Aberwitzes. Gleich zu Anfang die Straße der Metzger. Enthäutete Tierkörper hängen an Haken vor den Läden. Diese Läden sind zur Straße hin wie Käfige mit Eisenstangen versehen. Dahinter sitzen die Metzger, ihre Messer und Beile sorgsam mit Ketten am Hackstock befestigt, die Übergabe der Ware nur über eine kleine Aussparung möglich.Wie wir später erfahren, sind die Gerätschaften nicht nur befestigt, sondern auch über eine eingravierte Nummer ihrem Besitzer zu zuordnen - für alle Fälle.

Polizisten patrollieren durch die Straßen, ausgestattet mit diversen Waffen, darunter Baseballschläger und mit Spitzen versehenen Stangen. Schulen und Behörden sind mit Rammböcken gesichert und einer bewaffneten Wachmannschaft.

Keine Fotos von Überwachungsanlagen oder Polizisten, hatte unser Führer uns eingeschärft. Doch wie sollen wir das vermeiden, wenn Kameras überall präsent sind?

Präsent wie die Angst der Zentralregierung vor der hiesigen Bevölkerung und umgekehrt.

Bedenklicherweise hatte am Ende das System der Einschüchterung durch Kontrolle auch uns erfasst.Wir vermeiden heikle Themen, wie den Verbleib unserer Messer, fürchten belauscht zu werden, selbst im eigenen Auto von dem wir nicht wissen, ob es im Zollhof verwanzt wurde.

Paranoia?

© Wortklauberin 27.09.2019