Putzwut

Nach über einem Jahrzehnt war ich Anfang März wieder vor Ort, um an einem Klassentreffen teilzunehmen - Mädchengymnasium, Abiturjahrgang 1976.

Die Nachricht über den Zeitpunkt enthielt einen traurigen Zusatz. Eine würde nie mehr teilnehmen können. Verstorben mit 61 Jahren.

Das damalige Treffen hatte in mir, der Kinderlosen, eine gewisse Ernüchterung zurückgelassen - Thema fast aller Gespräche waren Kinder gewesen.

Bis auf eine Freundin hatte ich keinerlei Kontakt mehr zu den Mädels gehabt. Auch dieser eine Kontakt war im Lauf der Zeit bis zu Geburtstagsgrüßen hin ausgedünnt. Zu verschieden waren am Ende unsere Interessen.

Mit gemischten Gefühlen, aber auch einer gehörigen Portion Neugier erschien ich zum Treffen 2019, fünfzehn “alte “ Mädels waren gekommen.In der Tat hatte sich so einiges ereignet. Karrieren, Scheidungen, zwei Heiraten mit über 60, das ganz normale Auf und Ab. Ich fühlte mich irgendwie als Zaungast, entsprach ich doch all diesen Rastern nicht. Mit Verwunderung nahmen einige Teil an meinem bewegten Leben. Mit meinem Entschluss meine Karriere der Reiselust unterzuordnen. Doch auch ihre Lebenswege stießen in mir vieles an. Warum ich zum Beispiel so wenig von der gemeinsamen Schulzeit in Erinnerung habe. Mich mit dem Beginn des Studiums gleichsam Hals- über Kopf in einen neuen Lebensabschnitt gestürzt hatte. Fast ohne zurückzuschauen.

Dort diverse Scheidungen. Hier ich - seit 39 Jahren mit ein und demselben Mann. Ein Leben voller positiven und negativen Ereignisse. Dabei kam bei mir mehr ins Rollen, als ich gedacht hatte. Diese Gedanken wurden irgendwann zu Worten. Worten, die nicht so gut ankamen beim Gegenüber. Ich wiederum fühlte mich missverstanden. Das versuchte Wiedereinrenken der Situation brachte keine Versöhnung, nur mehr neue Dissonanzen. Festzementierte Urteile, Erfahrungen aus anderen ähnlichen Situationen. Jeder Versuch der Veränderung unter der Last des bereits Erlebten zum Ersticken verurteilt. Am Ende wurden gleich alle 39 Jahre komplett auf den Prüfstand gestellt. Das Ganze noch dazu an meinem “heiligen” Morgen, wo ich für Attacken noch empfindlicher bin. Den ich am liebsten ganz ruhig mit wenigen Worten und vielen Tassen Tee zelebriere.

Ich ziehe mich in mich zurück, spare meine Kräfte. Wofür ist in diesem Moment ungewiss.

Irgendwann schnappe ich mir den Putzeimer und den Staubsauger.

Rücke mit meiner Wut Staub und Spinnweben zu leibe. Meine Gedanken drehen derweil Pirouetten um spitze Worte.

Irgendwann habe ich die äußere Ordnung wieder hergestellt und bin der inneren ein kleines Stück näher gekommen.

Irgendwann haben meine Gedanken sich zu Sätzen geformt, die ich zum Ausdruck bringen kann - hier an dieser Stelle. Ein weiteres Puzzleteilchen zum Wohlbefinden.

Irgendwann ist meine Wut verraucht. Wie schön, dass sie auch diese Eigenschaft besitzt, und mir damit wieder viele Wege offen stehen, einschließlich eines erneuten Versöhnungsversuches.

© Wortklauberin