Trau - schau - wem

Meine Mutter, die bereits als kleines Kind Vollwaise war, wuchs im Haushalt ihres Onkels auf. Ihre Kindheit war geprägt von einem Zustand der liebevollen Überbehütung. Gefährliche Aktivitäten wie Schwimmen und Radfahren waren verboten. Hinzu kam, dass der Onkel Richter in Karlsbad war. So kamen zu den Verboten noch Warnungen vor so Allerlei. Erlebnisse während der Flucht aus dem Sudetenland und während des Krieges verstärkten die Prägung ihrer Erziehung.

Ich war gerade mal vier Jahre alt, als meine Eltern 1960 nach München umzogen, in eine Großstadt sozusagen.

Die Gefahrenzone der Stadt begann für meine Mutter direkt vor dem Gartentor,an demHausierer läuteten,und Kreidezinken neben der Klingel ihren Argwohn weckten. Obwohl Kindergarten, Grundschule und Gymnasium alles in fußläufiger Entfernung von unserem Zuhause lag, ging ich all die Jahre mit gefühlt tausend Ermahnungen aus dem Haus. Der am meisten gebrauchte Satz meinerseits war deshalb - geh Mama, was du immer hast- .

Mein Vater dagegen ermutigte mich zu Allerlei, was meiner Mutter zutiefst missfiel, nicht zuletzt zum Reisen. Endlose Ermahnungen gegen imaginäre Gefahren an Orten, die für sie nun wirklich böhmische Dörfer waren, erfolgten.

Im Nachhinein manchmal nicht ganz unberechtigt. Doch hätte ich das nie zugegeben, denn in dieser Beziehung wollte ich nie so sein wie sie.

Als mein Mann und ich dann vor 20 Jahren anfingen mit einem Wohnmobil zu reisen, wurde ganz Europa zum Risikogebiet erklärt. Bereits im Nachbarland Österreich sah sie allerhand Gefahren lauern. Wir übrigens auch, aber eher in Gestalt von unberechenbaren Kieberern.

So blieb der Satz - geh Mama, was du immer hast- aktuell wie eh und je.

Nun sind wir unterwegs zur alten Seidenstraße durch die ehemaligen Staaten der Sowjetunion. Seit der Antike existiert dieses weit verzweigte Verkehrsnetz.Der Hauptstrang erstreckt sich von Ostasien zum Mittelmeer.Verheißungsvolle Namen beschäftigen seit langem unsere Fantasie - Astrachan, Buchara und Samarkand. Auf der Route die Ukraine verknüpft, durch russische Militäreinsätze und offizielle Warnungen vor Überfällen,mit Fantasien der anderen Art.

Lwiw, das ehem. Lemberg, war unsere erste Station. Auf der Suche nach einer SIM Karte landeten wir im Untergeschoß eines Einkaufszentrums. Ein kleiner Laden hatte, was wir suchten. Während wir warteten, inspizierte ich das Angebot in den Glaskästen. Messer, jeder Art und Größe, jedoch sicher nicht zum Küchengebrauch, Gasrevolver, Pfefferspray und noch so einiges, das mir mehr als Unbehagen verursachte.Scheinbar frei verkäuflich für jeden, der dafür Verwendung hatte. In Gedanken hörte ich die warnende Stimme meiner Mutter und wollte ihr fast ein bisschen Recht geben.Doch zum Reisen gehört manchmal eben auch der Mut zur Angst. Etwas trotzig sandte ich ihr deshalb den bekannten Satz - geh Mama, was du immer hast- auch wenn sie sich schon vor 13 Jahren von dieser Welt verabschiedet hat.

© Wortklauberin