Von sinnen

Ein Spätsommertag, blauer Himmel, eine leichte Brise aus Westen. Es riecht nach Regen, bemerke ich, und mein Mann sagt, ziemlich vorhersehbar und abschätzig,was du immer riechst. Als es ein paar Stunden später tatsächlich regnet, triumphiere ich. Ja ich rieche etliches, was er nicht riecht, schmecke Dinge, die er und auch andere nicht so differenziert schmecken. So eine Gabe ist Segen und Fluch zugleich, vor allem wenn die Schwelle bei der Empfindlichkeit ziemlich niedrig liegt. Für mich als Naturliebhaberin und leidenschaftliche Köchin überwiegt der positive Aspekt, Unangenehmes nehme ich dafür in Kauf, denn auch das ist oft von Nutzen.

Irgendwann an einem kühlen Abend, an dem ich in leichter Bekleidung das Schwinden des Sommers verleugne und die Gänsehaut ignoriere. Schon tritt das Prinzip aus Ursache und Wirkung in Kraft. Ein umherschwirrender Virus entdeckt die Lücke in meinem Abwehrsystem und hält mich so für den geeigneten Wirt, um seine eigene Art zu erhalten. Zum Glück folgte jetzt die Abwehrreaktion in Form einer Triefnase. Etliche Packungen Taschentücher später, Ende der Vorstellung, die Triefnase betreffend. Ein kleines Problem gab es allerdings noch. Auf dem Tisch buntes vitaminreiches Allerlei, geschmacklich aber Einerlei bzw. Keinerlei. Das Auge ißt mit, heisst es so schön. Hat aber leider keine Verbindung zum realen Geschmackssinn. Was weiß der verdauende Teil unseres Körpers, wenn das Gehirn keine geschmachlichen Details weiterleitet? Funktioniert dann überhaupt die Verdauung, sprich die Verwertung all dieser gesunden Köstlichkeiten? Und wenn er es nicht weiß, ist es dann letztlich egal, was ich esse? Vom Hundersten ins Tausende mit dem Gedankenkarussell. Ein Härtetest -ein Teelöffel frisch geriebener Meerrettich, der normalerweise die Nerven hinter der Stirn zum Vibrieren bringt. Keine Reaktion. Die nächste Stufe wäre angeblich Ammoniak. Der ist nicht verfügbar. Verfügbar dagegen ist das Internet. Nach der Recherche, erweitertes Wissen - der Geruchssinn eine chemoelektrische Transduktion-, anhaltender Geruchsverlust gar nicht so selten, keine bekannten Heilmittel, am Ende Hysterie. Letzteres die Beschreibung meines Mannes von mir. Ein kleiner netter Nebeneffekt, ich esse weniger, da kein Verlangen da ist, einen guten Geschmack mit einer zweiten Portion zu wiederholen. Einige Tage später, gefühlt eine Ewigkeit, schaffen einige Geruchsmoleküle einer gebratenen Zwiebel die Umwandlung vom chemischen in einen elektrischen Reiz und erreichen so mein Riechzentrum. Heilung scheint sich anzubahnen, der worst case lebenslanger Geruchslosigkeit abgewendet. Glückshormone fluten mein System. Ich bin wie von Sinnen. Ungeduldig warte ich schon darauf, dass irgendwann der Satz fällt - was du schon wieder riechst-

© Wortklauberin