Sprungbrett Tanger

Tanger 2006

Acht wunderschöne Wochen in Marokko liegen hinter uns, und der anstrengendste Teil der Reise vor uns - die fünf Kilometer lange Strecke durch die Stadt zum Hafen. Jeder Stau, jede rote Ampel ein Adrenalinstoß.Überall junge Männer, die versuchen unser Auto zu entern, für sie ein Sprungbrett auf’s Hafengelände.Europa lockt als Kontinent der unbegrenzten Möglichkeiten. Dafür nehmen sie in Kauf, dass sie von einem Lkwreifen überrollt werden.Die laschen oder fehlenden Kontrollen am Hafen lassen tief blicken.Im Hafen dann erwartet uns eine Schar selbsternannter Helfer. Sie umtanzen unser Auto und hängen am Trittbrett, bevor wir richtig eingeparkt haben. Für einige Euros oder Dirhams wollen sie uns durch das Ausreiseprozedere schleusen oder uns ablenken von dem, der sich im Fahrgestell verstecken möchte.Einer von uns muss deshalb das Fahrzeug bewachen, wegen der blinden Passagiere oder der Anbringung von Rausch erzeugenden Päckchen. Beides bedeutet Gefahr oder zumindest massive Scherereien mit den Offiziellen.

Der andere, in diesem Fall ich, muss den Papierkram erledigen. Ich ziehe los zum Fährbüro, im Schlepptau eine handvoll drängelnder Männer, die mir lautstark ihre bürokratischen Dienste anbieten. Ein sehr resolutes NO schafft Distanz. Zurück am Auto beginnt eine stundenlange Warterei. Es wird dunkel und wir nervös. Ein Ruckeln am Auto provoziert sofort den Griff zur Taschenlampe und einen Rundgang um’s Auto. Sich duckende Gestalten springen zwischen den Fahrzeugen umher. Endlich fahren wir auf die Fähre. Für u n s hat es sich damit zum Guten gewendet.

Tanger 2016

40 Kilometer ausserhalb von Tanger wurde inzwischen ein neuer Hafen gebaut. Zu erreichen über eine Autobahn, gesichert mit acht Meter hohe Zäunen. Doch was sind acht Meter gegen die, immer noch gigantisch hohe Erwartung an ein Leben in Europa.

Wir passieren mehrere Kontrollposten bevor wir auf das eigentliche Hafengelände gelangen. Aufgrund eines Buchungsfehlers steht uns eine nächtliche Abfahrt bevor. Wir sind wachsam, aber nicht mehr so nervös wie vor 10 Jahren. Mehr Kopfzerbrechen bereitet uns, hinsichtlich der Überfahrt, eine Gewitterfront, die schnell näher kommt. Dann schwankt das Auto auch schon unter den ersten Sturmböen, Regenschauer prasseln auf das Dach. Gemütlich sitzen wir im Trocknen und beobachten das Spektakel. Heftiges Klopfen an der Bordwand. Draussen steht ein wild gestikulierender Marokkaner, der immer wieder zum rückwärtigen Fahrzeugteil deutet. Also hinaus und nachschauen. Aus den Augenwinkeln nehme ich eine Bewegung wahr. Ein Kapuzenmännchen in geduckter Haltung. Schnell ist es zwischen den Lkws verschwunden.

Die Abdeckung unserer Fahrräder hat sich gelöst und schlägt wild im Sturm. Nein, eigentlich hat sie sich nicht gelöst, sie wurde gelöst, von einem, der darunter unentdeckt mit uns an Bord gehen wollte. Ob sich das Blatt inzwischen wohl zu seinen Gunsten gewendet hat?

© Wortklauberin