Wer die Geister ruft

Noch nie war ich jemand, der die Nacht zum Tag gemacht hat. Viel mehr fühle ich oft weit vor Mitternacht das Bedürfnis ins Bett zu gehen und in die wundersame Welt meiner bunten Träume einzutauchen, wo Vergangenes und Aktuelles zum Teil auf’s Absurdeste, manchmal auch Lachhafteste, glücklicherweise fast nie Beängstigendes verwoben wird. Schlafstörungen waren bis jetzt etwas für andere.

Vor ein paar Wochen regte sich in mir die unbändige Lust wieder mit Schreiben anzufangen. Ein Funke war beim Geschichtenlesen auf der Plattform story.one übergesprungen. Bald stand der Rahmen für die Geschichte Nummer eins.

Wir waren gerade mal wieder auf Reisen. Schreiben lässt sich nicht unbedingt in einen bewegten Tagesablauf integrieren. Schon gar nicht, wenn diese Bewegtheit durch Pistenfahren entsteht. Die Inspiration war mir schon immer eine eigenwillige Gesellin. Kam, wenn ich unabkömmlich beschäftigt war und verweigerte sich, wenn ich dachte, nun hätte ich Zeit.

Eines nachts wurde ich durch ein mehr oder weniger dezentes Schnarchgeräusch neben mir wach. Normalerweise schlafe ich in so einem Fall über kurz oder lang wieder ein.

Das menschliche Gehirn besteht im Durchschnitt aus 86 Milliarden Nervenzellen. Diese können in einer tausendstel Sekunde Informationen empfangen, verarbeiten und weiterleiten. Dabei geraten die Zellen, die sich zur Vernetzung entschlossen haben in eine Art Schwingung. Kreuz und quer in einer genialen Orchestrierung; Tag und Nacht, am effektivsten im Schlaf.

Statt wieder einzuschlafen, ratterten druckreife Sätze durch mein Gehirn, splitterten sich in ihre Wortbestandteile auf, von denen jeder für sich wieder eine neue Idee in den Raum stellte. Ein gedankliches Feuerwerk, bunt und leuchtend im Augenblick der Entstehung und kurz darauf verpufft. Keine Chance zum Stift zu greifen und nur einen Bruchteil davon zu notieren. Acht Quadratmeter rollende Wohnfläche - Küche, Wohn- und Schlafzimmer alles eins. Ein Schreibversuch würde da unter nächtlicher Ruhestörung rangieren.

An Wiedereinschlafen war, gefühlt lange, nicht zu denken. Irgendwann versuchte ein anderer Teil des Gehirns wieder einen Schlafzustand herbeizuführen, ein dritter beobachtete das Geschehen. Bevor der Vorgang noch komplexer wurde, schlief ich wohl ein. Versuchte am Morgen Fragmente der nächtlichen Inspiration ins Tagesbewusstsein zu retten. Zum Teil vergeblich.

So geht es nun fast Nacht für Nacht. Ich erwache, warum auch immer. Eine ungeahnte Fülle an Ideen durchströmt mein Gehirn, verhindert den Schlaf. Einerseits bin ich fasziniert von dem, was da nächtens gedacht wird, andererseits fühle ich mich wie Goethe’s Zauberlehrling, der die Geister rief, deren er dann nicht mehr Herr wurde. Im Gegensatz zu mir, konnte er nach dem Meister rufen, der dem Treiben Einhalt gebot. Aber will ich das denn überhaupt? Vielleicht mache ich, zurück im bayrischen Zuhause, einen Teil der Nacht zum Tag.

© Wortklauberin