Reffen

  • 73
Reffen | story.one

Die dunklen Wolken am Horizont verheißen nichts Gutes, der Luftdruck ist seit Stunden stetig gefallen und auch der letzte verfügbare Wetterbericht ist nicht sehr aufbauend.

Jedem verantwortungsvollen Schiffsführer ist in dieser Situation klar, dass ein Weiterfahren unter vollen Segeln auf dem bisherigen Kurs nicht die Beste aller Ideen ist.

Jetzt ist es an der Zeit das Großsegel zu bergen, die Sturmfock anzuschlagen, ein Strecktau an Deck auszubringen, das Ölzeug und die Rettungswesten zumindest bereitzulegen. Die letzte wahre Position ist in der Seekarte eingetragen und der umliegende freie Seeraum geprüft. Die Luken sind verschalkt, eine warme Mahlzeit und heiße Getränke in die Thermoskannen gefüllt, wichtige Dinge sind griffbereit und die Crew wurde entsprechend vorbereitet.

Derzeit sitzen wir alle im Inneren eines beigedrehten Bootes, hören Kanal 16 über Funk und werden von der Kraft der Natur in unglaublicher Weise einer Prüfung unterzogen. Jeder, der je einen mehr oder weniger starken Sturm auf See abgewettert hat, weiß aber genauso, dass auch das schlechteste Wetter einmal sein Ende findet und wir glücklicherweise die Fähigkeit haben, mit Ruhe, vorausschauenden Verhalten und Vertrauen in uns und andere Menschen solche Situationen zu meistern.

Es wäre vermessen zu glauben, dass die derzeitige Lage, so wie schlechtes Wetter, in wenigen Stunden oder Tagen vorbeigezogen ist. Sie wird uns bestimmt noch über Wochen oder Monate begleiten. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir am Ende - vielleicht mit kleineren oder größeren Blessuren – sogar gestärkt daraus hervorgehen und vielleicht sogar unter Spinnaker, möglicherweise auf leicht veränderten Kursen, erneut in die See unseres Lebens stechen werden.

In diesem Sinne - gesund bleiben, vernünftig und verantwortungsvoll handeln und vor allem Verstand benutzen.

© Yamana 05.04.2020